In den fünfziger und frühen sechziger Jahren trug sich im Haus einer nicht sehr ansehnlichen Straße im Arbeiterviertel bei den Leverkusener Bayer-Werken Merkwürdiges zu. Fast jeden Tag empfing dort eine Frau Kundgaben, die sie Jesus zuschrieb. Oft enthielten sie Warnungen vor dem nahen Ende. So soll Jesus ihr am 12. November 1954 folgendes diktiert haben: „Lasset euch nicht beirren, und glaubet Meinen Worten, die euch das nahe Ende ankünden .... Tag und Stunde ist euch nicht gesagt, weil es nicht gut ist für euch, so ihr darum wüßtet. Doch keiner von euch stellt sich den Tag des Endes so nahe vor, wie der Tag festgesetzt ist seit Ewigkeit. Jeder von euch hat seine Augen noch so weit auf die Welt gerichtet, daß er es nicht für möglich hält, daß dieser ein so schnelles Ende gesetzt sein soll .... denn jeder von euch denkt noch reichlich irdisch, selbst wenn er zu den Meinen gehört und geistig strebt. (…) Und ihr Menschen werdet keine Zeit bestimmen, denn Ich werde kommen wie ein Dieb in der Nacht .... Aber spottet nicht dessen, was vor euch liegt, weil ihr nicht glaubet .... auf daß ihr es nicht dereinst zu bereuen brauchet. Immer wieder erwecke Ich Seher und Propheten, um durch diese euch zu warnen und zu mahnen, auf daß ihr euch vorbereitet auf das Unvermeidliche.“ Die aus Schlesien stammende und nach dem Zweiten Weltkrieg in Leverkusen lebende Schneiderin Bertha Dudde (1891-1965) empfing über 9000 angeblich göttliche Kundgaben, die sie niederschrieb und die bis heute von einer kleinen Anhängerschar verbreitet werden. Nichts ist in diesen Botschaften von der Aufbruchs- und Fortschrittseuphorie der Nachkriegszeit zu spüren. Stattdessen künden sie schwermütig und düster von einem „geistigen Tiefstand der Menschen“, der den baldigen „Weltenbrand“ zwangsläufig nach sich ziehe.
Doch Bertha Dudde war längst nicht die Einzige, die mit dem nahen Ende rechnete. In Endzeiterwartung befand sich in den fünfziger Jahren auch die Neuapostolische Kirche, deren oberster Leiter, der sogenannte „Stammapostel“ Johann Gottfried Bischoff, im Weihnachtsgottesdienst 1951 in Gießen verkündet hatte, dass sich die Wiederkunft Christi noch zu seinen Lebzeiten ereignen werde. Angesichts des Umstands, dass Bischoff zu diesem Zeitpunkt bereits stolze 80 Jahre zählte, mussten jene neuapostolischen Christen, die ihrem „Stammapostel“ glaubten – und das war die Mehrheit –, davon ausgehen, dass der Tag des Endes tatsächlich nicht mehr fern sei, was innerhalb der Kirche „starke endzeitlich geprägte Aktivitäten“ auslöste und unter den Gläubigen eine „große Bewegung“ hervorrief. Erschwerend kam hinzu, dass „Stammapostel“ Bischoff seine Endzeiterwartung zum verpflichtenden Glaubensgut erklärte und Kirchenmitglieder, die daran zweifelten, ausgeschlossen wurden. So führte die Botschaft Bischoffs zur größten Abspaltung in der jüngeren Geschichte der neuapostolischen Kirche. Immerhin überlebte die Kirche die Herausforderung durch die Tatsache, dass Bischoff 1960 starb, ohne dass sich in irgendeiner Weise die Wiederkunft Christi ereignet hätte. Die Kirche rechtfertigte diesen offensichtlichen Lapsus bis in die jüngste Vergangenheit immer damit, dass Gott seine Pläne offenbar geändert habe. Von einem Irrtum Bischoffs auszugehen lag jenseits aller Vorstellungskraft. Einer von Bischoffs Nachfolgern, „Stammapostel“ Richard Fehr erklärte noch 1995: „Wir halten daran fest, dass der Stammapostel sich nicht geirrt hat.“ Erst in jüngster Zeit scheint die Neuapostolische Kirche bereit, die Sache etwas anders zu sehen, und sich zu überlegen, ob sich Bischoff nicht vielleicht doch geirrt haben könnte.
Die Sehnsucht nach dem Weltende als Ausdruck des Protests
Diese beiden Beispiele für Endzeiterwartungen werfen die Frage auf, warum Menschen eigentlich immer wieder anfällig für apokalyptische Gefühlslagen werden, den Weltuntergang also hin und wieder geradezu zu herbeizusehnen scheinen. Oder anders gefragt: Warum wünschen sich Gläubige den Weltuntergang? Zunächst einmal ist festzuhalten, dass apokalyptisches Gedankengut aus Judentum wie Christentum kaum wegzudenken sind, man denke etwa an Dan 7 oder die Offenbarung des Johannes wie auch die Worte Jesu selbst. Apokalyptiker haben – sofern sie sich der jüdisch-christlichen Tradition zugehörig fühlen – die Bibel auf ihrer Seite, was sie ja auch oft nicht müde werden zu betonen.
Doch zeigt die Geschichte, dass Endzeiterwartungen nicht gleichmäßig auftreten, sondern sozusagen einem konjunkturellen Zyklus unterworfen sind. Oder etwas flapsig gesprochen: Man hat nicht immer gleichviel Lust auf Weltuntergang. Das Herbeisehnen des Endes tritt immer dann auf, wenn die Zeit und Umwelt als belastend, ja unerträglich erfahren werden. Apokalyptisches Denken ist so etwas wie ein Notausgang aus der Gegenwart, Ausdruck des Empfindens, dass es „so nicht weitergehen“ könne und man sich das Weltende bzw. den Eingriff Gottes herbeisehnt, um diesen qualvollen Zustand zu beenden. Apokalyptisches Denken ist also Ausdruck des Protests, oft genug auch eines Protests gegen die Herrschenden bzw. die herrschenden Zustände. Das erklärt, warum sich apokalyptisches Gedankengut immer wieder mit revolutionärer Unrast paaren konnte, so etwa die Theologie Thomas Müntzers mit den Forderungen der aufständischen Bauern im sogenannten Bauernkrieg zur Zeit der Reformation.
Wer gegen etwas protestiert, macht zweierlei: Er zieht eine Trennungslinie zwischen sich und den oder das, wogegen protestiert wird: Hier wir Opfer – dort ihr Täter, oder im religiösen Kontext: Hier wir Frommen und Gottgefälligen – dort ihr Sünder und Frevler. Die Trennungslinie ist also auch eine moralische Grenze im Sinne einer Verurteilung und eines „Sich-für-besser-Haltens“. Dieser Grenzziehung haftet allerdings etwas Künstliches und Virtuelles an, es ist also sozusagen eine Grenzziehung-als-ob. Denn „Protestkommunikation erfolgt zwar in der Gesellschaft, sonst wäre es keine Kommunikation, aber so, als ob es von außen wäre“, wie der Soziologe Niklas Luhmann festgestellt hat. Zeugen Jehovas protestieren gegen eine gottlose Gesellschaft, der sie nicht angehören wollen und nach eigenem Verständnis auch tatsächlich nicht angehören – was natürlich Unfug ist, denn außerhalb einer Gesellschaft ist soziales Leben nicht möglich. Und dass sich die Zeugen Jehovas sehr wohl der Gesellschaft zugehörig fühlen, zeigt ihr Streben nach Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Deutschland.
Was sich jedoch beobachten lässt: Der Protest erfolgt immer von der Peripherie eines sozialen Systems (also der Gesellschaft, eines Staates oder auch einer Kirche) in Richtung Zentrum. Denn nur so lässt sich überhaupt erst die Fiktion aufrechterhalten, in der Gesellschaft gegen die Gesellschaft protestieren zu können. Ostdeutsche Hartz IV-Empfänger protestieren gegen „die da oben“ in Berlin, radikale Basken gegen die spanische Zentralregierung in Madrid, katholikale Frömmler wie z.B. die vorkonziliar orientierten Pius-Brüder gegen die vermeintlich gottlosen Zustände im Vatikan. Protestbewegungen sind also meistens buchstäblich nicht mehrheitsfähige Randerscheinungen, weil sie mit ihrer „alarmierenden Kommunikation“ anders kommunizieren (müssen und wollen) als im Zentrum kommuniziert wird. Werden sie mehrheitsfähig und erobern sie sozusagen das Zentrum (z.B. im Rahmen einer Revolution), ist der Protest zu Ende. Das Zentrum ist an einer möglichst reibungslosen, störungsfreien Kommunikation zur Aufrechterhaltung des sozialen Systems interessiert – die Protestierenden sind das gerade nicht, sie wollen stören und provozieren, um im Zentrum Gehör zu finden. Ihrerseits reagiert die Gegenseite „überrascht bis verständnislos“. Dies schon deshalb, weil man – so Luhmann – „gegen Komplexität“ gar „nicht protestieren“ könne. „Um protestieren zu können, muss man deshalb die Verhältnisse plattschlagen.“
Diese Kommunikation des Protests ist jedoch eine ziemliche Einbahnstraße: Man protestiert so laut, das man der Gegenseite nicht zuhört und deshalb alle Äußerungen von dort allenfalls so gefiltert wahrnimmt, dass sie zur Rechtfertigung des Protests dienen. Niklas Luhmann schrieb: „Es fehlt (…) eine Berücksichtigung der Selbstbeschreibung derjenigen, gegen die man protestiert. Man versucht nicht zu verstehen.“ Sich selbst schreiben die Protestierenden – mehr oder weniger unbewusst – eine „gewisse Unschuld des Operierens ‚um der Sache willen zu’“, was bedeutet, dass die angebliche Renitenz der Gegenseite zur Ausblendung all dessen legitimiert, was auf der Gegenseite vielleicht nicht kritikwürdig ist, im eigenen Lager dafür umso mehr kritisch hinterfragt werden müsste. Ein ebenso schönes wie unerfreuliches Beispiel dafür ist etwa die völlig unreflektierte Überheblichkeit und moralische Anmaßung der terroristischen RAF gegenüber dem bundesdeutschen Staat und seinen Organen.
Ziehen wir ein erstes Fazit: Wenn apokalyptische Naherwartungen im Grunde Ausdruck eines Protests sind, gelten für Strömungen, die solche Naherwartungen vertreten, folgende Merkmale:
- Markierung einer moralischen Grenze im Sinne eines „Sich-für-besser-Haltens“,
- eine Kommunikation, als ob es von außen wäre,
- eine Kommunikation von einer Peripherie in Richtung Zentrum, d.h.
- die Protestierenden sind und bleiben meistens eine Randerscheinung, also Minderheit, gewinnen sie die Mehrheit, ist der Protest zu Ende;
- die Kommunikation zeichnet sich durch fehlenden Willen aus, die Gegenseite zu verstehen, und
- komplexe Verhältnisse werden sozusagen plattgeschlagen.
Die Sehnsucht nach dem Weltende als Ausdruck der Angst und Reaktion auf die Langeweile des Posthistoire
Doch scheint mir der Protest nicht die einzige Motivation für apokalyptische Gedanken zu sein, sondern auch die Angst. Diese Angst hat v.a. zwei Ursachen: einerseits ein Unverständnis der Zusammenhänge hochkomplexer Prozesse in der sozialen Umwelt und, damit verbunden, andererseits Probleme, die Welt- und die Eigenzeit aus ihrer Dissonanz zu lösen. Was ist damit gemeint? Die schwindelerregend schnelle Aufeinanderfolge vom Anfang und Ende der um uns ablaufenden Prozesse ist für den Menschen, der sich – vielleicht liegt das in seiner Natur – nach behaglicher Statik oder zumindest nach einer nicht dermaßen durch Schnelligkeit gekennzeichneten Geschwindigkeit in seinem Leben sehnt, schlicht und ergreifend überfordert. Der Soziologe Gerhard Schule schrieb: „Von stoischer Gelassenheit können wir nur träumen“, denn „unermüdlich arbeiten wir uns an Krisenvermeidung, Krisenbekämpfung, Krisenkompensation ab. Widerstrebend haben wir uns daran gewöhnt, dass Aufbruch und Ankunft in der Moderne schnell aufeinanderfolgen.“ Man muss ständig „ankommen, sich einrichten“, gleichzeitig jedoch auch „weitergehen, alte Arrangements umorganisieren oder ganz aufheben“ – das ist „ein Leben in kurzen Etappen, Alltagsgeschichte im Zeitraffer. Wenn dabei ständig von Krisen die Rede ist, so gehört dies zur eingefahrenen Fortbewegungsweise dazu. Die Besorgten unter uns finden umso mehr Grund zur Unruhe, je schneller die Moderne voranschreitet.“ Diese Unruhe resultiert wohl in erster Linie daraus, dass das Konzept der eigenen Biografie und Lebensgestaltung zumindest idealiter auf viel längere Phasen ausgerichtet wird, doch gerade dadurch in Widerspruch zur entfesselten Geschwindigkeit der Moderne gerät: Wer beispielsweise vor den Traualtar tritt, will vom soziologisch nachweisbaren Faktum der „seriellen Monogamie“ nichts wissen – hat aber vielleicht trotzdem in zehn Jahren einen neuen Partner. Und diese Erkenntnis macht Angst, weil heutzutage grundsätzlich jede vermeintliche Gewissheit zur Disposition steht. Einen vermeintlichen Ersatz bietet die durch apokalyptisches Denken mögliche Gewissheit vom nahen Ende. Die verlorene Heilsgewissheit der zuversichtlich geäußerten Frage „Was darf ich hoffen?“ ist von der Unheilsgewissheit der bangen Frage „Was muss ich fürchten“ vertrieben worden. Solcherlei Unheilsgewissheit ist zwar auch mit Angst verbunden, aber es findet doch gleichzeitig sozusagen eine Art homöopathischer Heilungsprozess statt: Gleiches wird durch Gleiches geheilt und die Weltangst durch die apokalyptische Angst ausgetrieben. Flapsig gesprochen: Wer das Ende der Zeiten auf sich zukommen sieht, muss sich vor dem Klimawandel nicht mehr fürchten.
Der Medienästhetiker Norbert Bolz hat außerdem darauf hingewiesen, dass apokalyptische Drohungen auch durchaus die Verheißung in sich tragen, „die eigene Lebenszeit mit der entfremdeten Weltzeit endlich zur Deckung zu bringen, die eigene Existenz mit der Welt zu synchronisieren. (…) Sei es der Untergang der Welt oder der Sonnenaufgang des Kommunismus, sei es die Rache der Natur an der Zivilisation oder das Flammenzeichen des Millenniums – das Entscheidende geschieht in deiner Lebensfrist.“ Denn „Apokalypse heißt stets: Was hier auf dem Markt der Gefühle angeboten wird, war noch niemals da: die Wende der Welt steht mir selbst bevor – als absolutes Erlebnis.“
Die Apokalypse „als absolutes Erlebnis“ – das legt den Verdacht nahe, dass es sich bei der Kultivierung der Unheilsgewissheit um eine fiebrige Abwehrreaktion gegen die Langeweile des Lebens handeln könnte. „Leben ist langweilig“, heißt es bereits in Max Frischs wunderbarer Erzählung „Montauk“, und diese Erkenntnis steht nur scheinbar in einem Widerspruch zur vorher erwähnten Schnelligkeit des Werdens und Vergehens in der heutigen Gesellschaft. Denn eine Bewegung, die so schnell ist, dass sie die menschliche Wahrnehmung überfordert, wird schließlich nur noch als Stillstand wahrgenommen (man kennt diesen Effekt von Flügen in großer Höhe). Die Angst und die Langeweile sind also nur die beiden Kehrseiten ein und derselben Medaille. Der Stillstand ist das wichtigste Merkmal für das, was man „Ende der Geschichte“ oder französisch-vornehm „Posthistoire“ nennt. Ein Begriff, der augenscheinlich ebenso lächerlich wie sinnlos ist, denn schließlich passiert ja weiterhin allerhand auf dieser Welt. Warum also sollte Geschichte zu Ende sein? Doch Geschichte ist nicht nur eine Auflistung von Ereignissen, sondern ihre Deutung innerhalb eines Sinnschemas, oder um mit dem Historiker Lutz Niethammer zu sprechen: „Die Dinge gehen weiter, aber das Vertrauen in ihre Sinnhaftigkeit zerrinnt.“ Ende der Geschichte heißt also nicht, dass nichts mehr passiert, ganz im Gegenteil. „Aber im Chaos der Ereignisse zeigen sich keine eigentlich historischen Strukturen mehr“, so nochmals Norbert Bolz. Und Jean Baudrillard schrieb: „Die Hysterie der Geschehnisse ist selbst ein Erzeugnis des Endes der Geschichte. Weil es keine Geschichte mehr gibt, dürfen die Ereignisse nie aufhören.“ Wenn man sich die beiden Phänomene Apokalyptik und Posthistoire einmal näher betrachtet, so stellt man fest, dass es sich um zwei völlig gegensätzliche Denkschemata und Deutungskonzepte handelt. Proklamiert die Apokalyptik in gewisser Weise das Ende der Welt, proklamiert das Posthistoire den Ende des Sinns (nämlich des Sinns von Geschichte). Während das Ende der Geschichte sich in Anlehnung an Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen durch eine Abdankung des Subjekts und damit eine Bankrotterklärung des bürgerlichen Individualismus, die Übermacht des Bösen und die Erstarrung der Verhältnisse charakterisiert, proklamiert Apokalyptik geradezu den Triumph des Subjekts – nämlich des göttlichen! –, die Vernichtung des Bösen und den Aufbruch der erstarrten Verhältnisse. Oder um es auf eine prägnante Formel zu bringen: Apokalyptik ist das Ende mit Schrecken, Posthistoire dagegen ein Schrecken ohne Ende. Dieser nachgeschichtliche Schrecken ohne Ende wird wie bereits erwähnt durch eine entsetzliche Langeweile charakterisiert. Nietzsche nahm diesen Zustand voraus, als er im „Zarathustra“ schrieb: „Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird! Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selbst nicht mehr verachten kann. (…) ‚Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?’ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.“ Dieses Leben ist allerdings allenfalls noch eine Existenzform „als ob“, d.h. „alle sehr gleich, sehr klein, sehr rund, sehr verträglich sehr langweilig. Ein kleines, schwaches, dämmerndes Wohlgefühl über alle gleichmäßig verteilt, ein verbessertes und auf die Spitze getriebenes Chinesentum“, so nochmals Nietzsche. Dass das Posthistoire mit diesen Eigenschaften nicht bloß eine abstrakte Denkfigur ist, sondern durchaus – zumindest ästhetisch – eine Art Konkretisierung erfahren hat, weiß, wer einmal Bücher des angeblichen Skandalautors Michel Houellebecq gelesen hat. Hie treten völlig erstarrte, vereinsamte, hoffnungslose männliche Monaden auf, die allenfalls der Konsum von Pornografie und käuflichem Sex noch aus dem öden Rauschen des posthistorischen Einerlei reißen kann – wenn auch nur für jeweils kurze Momente.
Mit dieser Langeweile verspricht die Apokalyptik in der denkbar radikalsten Form Schluss zu machen, indem sie wie bereits ausgeführt das „absolute Erlebnis“ verheißt. Oder um in Nietzsches Bild zu bleiben: Da der posthistorisch erstarrte Mensch keinen Stern mehr gebären kann, muss ein Stern vom Himmel fallen – nicht umsonst ein in vielen apokalyptischen Visionen vorkommendes Szenario! Dem „schwachen, dämmernden Wohlgefühl“ wird durch die apokalyptische Katastrophe unwiderruflich ein Ende gesetzt. Apokalyptik reagiert auf das Phänomen der Nachgeschichtlichkeit, indem sie das Ende der Geschichte durch das Ende der Welt gleichzeitig vollendet und überwindet. Das chaotische Rauschen von unzähligen Ereignissen, die sich nicht mehr sinnvoll in einen Deutungszusammenhang bringen lassen, führt apokalyptisches Denken wieder zurück in eine zielgerichtete Linearität: Alles läuft zu auf das Ende der Zeiten. Nur noch das Ende der Zeiten kann das Ende der Geschichte beenden.
Zusammenfassung
Fassen wir nochmals zusammen: Apokalyptik ist einerseits eine Form des Protests, aber auch der Angst und gleichzeitig das Gegenkonzept zum Ende der Geschichte. Dies gilt es im Folgenden zu konkretisieren. Zunächst ist allerdings noch festzustellen, dass Apokalyptik nicht gleich Apokalyptik ist. Vielmehr scheint sich das endzeitlich geprägte Denken inzwischen zumindest dreigeteilt haben: Es gibt 1.) eine säkular geprägte Apokalyptik, die aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse von einer teilweise oder völligen Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen ausgeht (Stichwort Klimawandel), 2. eine esoterisch, semi-religiös geprägte Apokalyptik (Stichworte Maya-Kalender, Jahr 2012), wobei in diesem Bereich nach meiner Wahrnehmung umstritten ist und heftig diskutiert wird, ob nun der Big Bang im Sinne einer weltvernichtenden kosmischen Katastrophe bevorsteht oder „nur“ zwar heftige, aber durchaus überlebbare Reinigungsprozesse, die zu einer Transformation der Erde und ihrer Bewohner auf einer höheren Schwingungsebene führen. 3. gibt es die klassische, christliche Apokalyptik, auf die ich nun im Folgenden näher eingehen will.
Betrachtet man sich die apokalyptisch geprägten Gemeinschaften wie die Zeugen Jehovas, die Siebenten-Tags-Adventisten, die Mormonen oder die Neuapostolische Kirche, so fällt auf, dass es sich bei diesen um Strömungen und Gruppierungen handelt, die im „langen“ 19. Jahrhundert zwischen 1789 und 1914 entstanden sind. Man darf nicht vergessen, dass in Europa und Nordamerika keine Epoche solch einen dramatischen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wandel mit sich gebracht hat wie das 19. Jahrhundert. Zweifellos: Auch das letzte Jahrhundert war wahrlich reich an Katastrophen, Umwälzungen und bahnbrechenden Erfindungen, doch die Welt hat sich zwischen 1789 und 1914 weitaus stärker verändert als im „kurzen“ 20. Jahrhundert zwischen 1914 und 1989. Dies liegt insbesondere an der Industrialisierung, die soziale Systeme, die über Jahrhunderte funktioniert hatten – man denke an die Großfamilie – brüchig werden ließ. Auf diese Brüche, die wiederum mit sozialer Unruhe und individueller Angst einhergingen, reagierten die genannten apokalyptisch ausgerichteten Neubildungen. Diese neuen Organisationen zeugten sozusagen vom „Widerstand gegen das, was die moderne Gesellschaft an Formen moderner Leben nahe legt“ – religiöser, apokalyptisch geprägter Pluralismus als Antwort auf und vor allem Protest gegen die zahlreichen Zumutungen der Moderne sozusagen.
Da die Moderne ihre Zumutungen nicht gerade reduzierte – ganz im Gegenteil! – konnten sich die apokalyptisch orientierten Gruppierungen und Sondergemeinschaften bis heute halten, auch wenn – oder vielleicht gerade weil? – die berechneten und geweissagten Endzeitdaten nicht einstellen wollten. Denn das Ausbleiben der Endzeit ließ sie paradoxerweise aktuell bleiben – wenn Jesus nicht heute kommt, so doch vielleicht schon morgen! Das heißt: Der posthistorischen Erstarrung und Langeweile wird eine Art Dauererregung des gespannten Wartens auf den Tag X entgegengesetzt. Der ehemalige neuapostolische Priester Siegfried Dannwolf hat dies sehr anschaulich beschrieben: „Unverändert wie seit hundert Jahren wurde die tägliche Erwartung des wiederkommenden Jesus gepredigt. Dann würden alles Leid, aller Kampf, alle Not ein Ende haben. Die tägliche Botschaft war das wichtigste. Allein der Gedanke, dass Jesus gerade heute eventuell nicht kommen könnte, hätte bedeutet: Ich gehöre zu denen, die in ihrem Herzen sagen: ‚Mein Herr kommt noch lange nicht!’ Mit dieser Herzenseinstellung würde er mich nicht mitnehmen. In diesem Zusammenhang wurde uns folgende Geschichte zur Warnung erzählt: Eine Frau fragt ihren Apostel: ‚Lieber Apostel, wer füttert denn meinen Wellensittich, wenn Jesus uns zu sich nimmt?’ Antwort des Apostels: ‚Sie, liebe Schwester, denn mit Ihrem Herzen hängen Sie offensichtlich immer noch so an dem Tier, dass der Herr Sie nicht mitnehmen kann!’“ Siegfried Dannwolf beschreibt sehr schön, wie auch in der Neuapostolischen Kirche das apokalyptische Denken zu dem vorher beschriebenen „Sich-für-besser-Halten“ führt, und zwar im Sinne eines Glaubens an die exklusive Erwähltheit: „Wir waren die ‚Braut des Herrn’, das auserwählte Volk. Wir als die kleine Schar waren dazu aus allen Menschen erwählt. Nicht die Guten und die Mächtigen dieser Welt – nein, wir! Aus unerfindlichen gründen erachtete Gott uns mehr wert als alle anderen. Johannes, der die Apokalypse geschrieben hat, sah auf einem Berg die 144 000: ‚Und ich sah das Lamm stehen auf dem Berg Zion und mit ihm hundertvierundvierzigtausend, die hatten seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben an ihrer Stirn… Und sie sangen ein neues Lied...: und niemand konnte das Lied lernen denn die hundertvierundvierzigtausend, die erkauft sind von der Erde.’ Das waren wir. Nur wir erlernten das neue Lied in unseren wunderbaren Gottesdiensten. Nur wir würden mit dem Lamm, also mit Jesus, auf dem Berg stehen. Nur wir dürften als die Könige und Priester bald mit ihm tausend Jahre regieren.“ Die Erwartung, dass nicht die „Guten und die Mächtigen dieser Welt“, sondern die „kleine Schar“ der Neuapostolischen Kirche die Auserwählten Jesu seien, steht für die vorhin beschriebene Kommunikation, als ob man außerhalb der Gesellschaft stehe, für eine Kommunikation von der Peripherie ins Zentrum. Von der Peripherie der kleinen, aber auserwählten Herde ins Zentrum der Mächtigen, aber Verworfenen.
Dass die Mehrheit der Menschen verworfen ist, stand für die Neuapostolische Kirche, zumindest zum Zeitpunkt, als Siegfried Dannwolfs Buch erschien, zweifelsfrei fest (heute ist die Neuapostolischen Kirche in diesem Punkt etwas in Bewegung geraten). Ich habe ja im Zusammenhang mit der Charakterisierung von Apokalyptik als Protest ja bereits darauf hingewiesen, dass die Kommunikation sich durch den fehlenden Willen kennzeichnet, die Gegenseite zu verstehen, und komplexe Verhältnisse sozusagen plattgeschlagen werden. Das heißt konkret: Man hinterfragt nicht, ob es nicht auch außerhalb der 144.000 Zählenden Gerettete geben könnte, billigt also der Gegenseite keinerlei Heilserwartung zu, sondern praktiziert sozusagen nicht nur ein „Sich-für-besser-“, sondern auch ein „Die-anderen-für-verworfen-Halten“. Siegfried Dannwolf dazu: „Auf der anderen Seite ging von diesem Tag“ – gemeint ist der Tag der Wiederkunft Christi – „ein gewaltiges Drohpotential aus. (…) Für die Untreuen, die Müßigen, die Zweifler stand folgende Zukunft zu erwarten: ‚Und der Engel schlug an mit seiner Hippe an die erde und schnitt die Trauben der Erde und warf sie in die große Kelter des Zorns Gottes. Und die Kelter war draußen vor der Stadt getreten; und das Blut ging von der Kelter bis an die Zäume der Pferde durch tausendsechshundert Feld Wegs’ (Offenbarung 14,18-20). Das war das Szenario der ‚Bluthochzeit’ – die Alternative.“ Und Siegfried Dannwolf fügt hinzu: „Mit diesem mythischen Bild werden auch heute noch Millionen von Gläubigen in Schach gehalten.“
Die Kommunikation von außen, von der Peripherie ins Zentrum, verbunden mit der moralischen Abqualifizierung der anderen und Höherqualifizierung der eigenen Seite hat im Falle der Neuapostolischen Kirche wie auch der Zeugen Jehovas lange – bei den Zeugen Jehovas mit Abstrichen bis heute – eine äußerst stabilisierende Wirkung gehabt. Denn es wurde ja bereits darauf hingewiesen, dass das Zentrum, das an reibungsloser und störungsfreier Kommunikation interessiert ist, auf die provokante Kommunikation seitens der Peripherie „überrascht bis verständnislos“ reagiert – was auf der Seite der Peripherie nicht etwa zu einer kritischen Reflexion der eigenen Kommunikationsformen und -inhalte, sondern zur Selbstbestätigung führt. Gerade der Widerstand des Zentrums der vermeintlich Verworfenen gegen die Peripherie der vermeintlich Gerechten und Geretteten ist Ausdruck dafür, dass die Verworfenen verworfen und die geretteten gerettet sind. Denn andernfalls ließe sich das Zentrum ja belehren und bekehren. Festzustellen ist also, dass die Kommunikation zwischen Peripherie und Zentrum für die Peripherie gerade wegen des Scheiterns der Kommunikation eine immunisierende Wirkung hat.