Im Ghetto des „heiligen Rests“? Anmerkungen zur „Entweltlichung" der katholischen Kirche.

In mehreren Schweizer Kantonen lancieren derzeit die Jungfreisinnigen, also der Nachwuchs der schweizerischen Liberalen, eine Volksinitiative zur Abschaffung der Kirchensteuer für juristische Personen. Diesem Anliegen wird nun argumentative Unterstützung von unerwarteter Seite zuteil: Denn in der Freiburger Rede zum Ende seines Deutschland-Besuchs hat Papst Benedikt XVI. Gedanken geäussert, die durchaus als Verzichtserklärung verstanden werden können, was die fiskalische Kooperation von Staat und Kirche betrifft. Der Papst kritisierte, dass „die Kirche sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam wird und sich den Maßstäben der Welt angleicht. Sie gibt Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zur Offenheit. Um ihrem eigentlichen Auftrag zu genügen, muss die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von der Weltlichkeit der Welt lösen. Sie folgt damit den Worten Jesu nach: ‚Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin‘ (Joh 17,16). Die Geschichte kommt der Kirche in gewisser Weise durch die verschiedenen Epochen der Säkularisierung zur Hilfe, die zu ihrer Läuterung und inneren Reform wesentlich beigetragen haben. Die Säkularisierungen – sei es die Enteignung von Kirchengütern, sei es die Streichung von Privilegien oder ähnliches – bedeuteten nämlich jedes Mal eine tiefgreifende Entweltlichung der Kirche, die sich ja dabei gleichsam ihres weltlichen Reichtums entblößte und wieder ganz ihre weltliche Armut annahm. (…) Die geschichtlichen Beispiele zeigen: Das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche tritt klarer zutage. Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben.[1]

Diese Worte liessen, wie die Reaktionen zeigen, jene konservativen Kirchenkreise frohlocken, denen die Verzahnung von Staat und Kirche schon lange ein Dorn im Auge ist und die generell eine zu grosse Anpassung der Kirche an „weltliche“ Werte und Gegebenheiten bemängeln. Ebenso gross wie die Genugtuung auf konservativer war deshalb auch die Konsternation auf der reformorientierten Seite. Einige deutsche Bischöfe versuchten zwar, die Papst-Worte klein- und schönzureden, doch sollte man sich keinen Illusionen hingeben – was Papst Benedikt in Freiburg sagte, passt sehr zu einer Tendenz, die sich schon länger abzeichnet: Angesichts einer ebenso dramatischen wie verheerenden Glaubens- und Mitgliedschaftserosion in den Pfarreien haben sich vor allem konservative Kreise – und sie sind im Moment an der Kirchenspitze klar die einflussreicheren – vom Konzept der Volkskirche verabschiedet und setzen sozusagen auf eine „reine“, gewissermassen gesundgeschrumpfte Kirche des „heiligen Rests“, die zwar klein und notfalls auch arm, dafür aber absolut glaubenstreu und dogmatisch zuverlässig ist. Der Verzicht auf staatliche Privilegien wird dabei nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern sogar geradezu herbeigesehnt, weil man dadurch eine vollumfängliche Wiederherstellung kirchlicher Souveränität verwirklicht sieht. Volkskirchliche Postulate wie eine flächendeckende Versorgung mit Priestern werden unter diesen Prämissen achselzuckend ignoriert und ihre Berechtigung sogar geleugnet.

Einer der Vordenker dieser Strömung ist der konservative Schweizer Kirchenrechtler Martin Grichting, Generalvikar des Bistums Chur. Für ihn ist der oft und laut beklagte Priestermangel lediglich ein Phantom: „Die Gläubigen sind nicht schlechter betreut als früher. Die Nachfrage nach Taufen, Eheschliessungen, Gottesdiensten und anderen Sakramenten sinkt nämlich noch stärker als die Zahl der Priester. Der angebliche Priestermangel ist also ein Mythos", so Grichting in einem Interview.[2] Und da die Zahl der Gläubigen sinke, sei es auch nicht mehr angemessen, in jeder Dorfkirche eine Sonntagsmesse zu feiern. Wer die Messe besuchen wolle, solle deshalb ruhig ein paar Kilometer Fahrweg auf sich nehmen, denn: „Die Eucharistiegemeinschaft steht über der Dorfgemeinschaft“, so Grichting.[3] Auch hinter solchen Äusserungen steht die Vorstellung, dass sich die Kirche von einem flächendeckenden und volkskirchlich orientierten, aber angeblich ohnehin nicht mehr gefragten Angebot zurückziehen und auf die geschrumpfte Schar der Getreuen konzentrieren müsse. Eine Strategie, die Papst Benedikt XVI. nicht unsympathisch zu sein scheint. Schon in seinem Buch „Salz der Erde“ hatte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger die Vision einer „Minderheitenkirche“ geäussert, die aus „kleinen lebendigen Kreisen von wirklich Überzeugten und Glaubenden und daraus Handelnden“ bestehe.[4]

Der Theologe Thomas Sternberg, kulturpolitischer Sprecher des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), sieht in solchen Visionen eine „fatale Selbstmarginalisierung“ der Kirche, zumal „eine kleine Herde der Gläubigen“ Gefahr laufe, „zu zerfasern“ und „im Extremfall sektiererisch zu werden“.[5] Sternberg plädiert für eine Kirche, in der auch die nur lose mit ihr verbundenen Christen eine Heimat finden. Wenn sich die Kirche selbst kleinrede, drohe eine „self fullfilling prophecy“, indem die „kleine Herde“ Realität werde, „weil man konsequent an sie glaubt und den Fehler macht, Rückgänge überzuinterpretieren und nicht die Breite des nach wie vor vorhandenen volkskirchlichen Lebens wahrzunehmen.“[6] Einen Ausweg sieht Sternberg in einer stärkeren Einbindung und Verantwortung der Laien, auch und gerade in Finanz- und Personalfragen, wie dies etwa in der Schweiz der Fall ist.

Gerade das Beispiel Schweiz zeigt jedoch, wie heftig volks- und klerikalkirchliche Konzepte aufeinanderprallen, so dass Konflikte im schweizerischen Katholizismus praktisch permanent an der Tagesordnung sind.[7] Die konservativen Kreise setzen in diesem Kräftemessen nach meiner Beobachtung auf den Faktor Zeit und damit darauf, dass sich die Situation durch den anhaltenden Exodus vor allem liberaler Katholiken, die Pensionierung der ihnen nahestehenden konziliar geprägten Priester und ein Nachrücken „linientreuer“ Kleriker langfristig in ihrem Sinne erledigt. Diese Hoffnung scheint nicht unbegründet, denn es ist festzustellen, dass gerade bei vielen jungen Priestern und Priesteramtskandidaten „wieder der vorkonziliare Klerikalismus“ an Terrain gewinne, wie der Freiburger Dogmatiker Gisbert Greshake klagte. Darunter falle die barocke „Verfeinerung“ liturgischer Gewänder, die „neuerliche ‚Verkultung‘ der Liturgie und ihrer Sprache“ sowie die Beschränkung des Mitwirkens von Laien in kirchlichen Diensten durch römische Anweisungen.[8]     

Man mag das kritisieren – und doch kommt man nicht umhin festzustellen, dass es neben allem Reformstreben der volkskirchlich orientierten Kirchenmitglieder eben auch, quasi als Gegenbewegung, eine Sehnsucht nach Tradition und Authentizität gibt. Diese Retro-Bewegung, die sich etwa im Feiern von Gottesdiensten im vorkonziliaren tridentinischen Ritus äussert, ist nicht nur eine „von oben“ bzw. „von Rom“ verordnete Tendenz, sondern auch an der Basis und dort insbesondere in den neuen geistlichen Gemeinschaften zu finden. Sie und ihre Theologie sind zwar im Moment noch nicht mehrheitsfähig, dürften sich langfristig aber zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die ohnehin schon angeschlagenen volkskirchlichen und parochialen Strukturen entwickeln und sind dies hie und da auch bereits. Dass die konservativen Führungskreise auf diese zumeist ebenfalls konservativ ausgerichteten Gruppierungen setzen, liegt auf der Hand und zeigt sich immer deutlicher. Die Dynamik dieser Bewegungen ist in vielen Fällen zweifellos bewundernswert ­– ob sie auch kirchendistanzierte Katholiken zu erreichen vermag, ist jedoch mehr als fraglich. Und so stellt sich letztendlich die Frage, ob eine „entweltlichte“ Kirche mehr sein kann als eine Kirche im Ghetto des „heiligen Rests“. Und vor allem ob solch eine Kirche von „der Welt“ noch gehört wird.



[3] Zürichsee-Zeitung, Ausgabe Obersee, 1.10.2011, 3.

[4] Joseph Kardinal Ratzinger, „Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche im neuen Jahrtausend. Ein Gespräch mit Peter Seewald“, Augsburg 2000, 236.

[5] Thomas Sternberg, „Fatale Selbstmarginalisierung. Zur Lage der katholischen Kirche Deutschlands“, in: Herder Korrespondenz 65 (11/2011), 559-564, hier 559 und 562.

[6] Ebd., 563.

[7] Siehe dazu ausführlicher Christian Ruch, „Das stille Schisma. Was Schweizer Katholiken von katholischen Schweizern trennt“, in: Stimmen der Zeit 225 (8/2007), 520-530.

Endete am 11. September 2001 die Postmoderne?

Der 11. September 2001 dürfte zu jenen Tagen zählen, von denen man noch genau weiss, wie man ihn erlebt und was man gerade gemacht hat, als sich die schockierenden Bilder der ins World Trade Center rasenden Flugzeuge und der zusammensackenden Türme auf allen Fernsehkanälen in Endlosschlaufen ins Gedächtnis brannten. Über eine vergleichbare Prägnanz und Eindringlichkeit dürften nur wenige andere Ereignisse verfügen: der Berliner Mauerfall am 9. November 1989 etwa oder die Ermordung John F. Kennedys am 22. November 1963. Kurzum: Niemand, der diesen Tag medial oder sogar vor Ort miterlebt hat, dürfte ihn jemals vergessen. Mit rund 3000 Toten hatte der Terrorismus eine völlig neue Dimension erreicht und zweifellos gravierende Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Islam, die sich selbst jetzt, zehn Jahre später, noch gar nicht abschätzen lassen. Doch war „9/11“, wie der Tag vor allem in den USA bezeichnet wird, auch eine weltgeschichtliche Zäsur? Wird das Jahr 2001 aufgrund der Anschläge also eine ähnliche Karriere machen wie die Jahre 1989, 1945, 1918 oder 1789?

Zumindest was das ominöse Phänomen Postmoderne angeht, wurde eine Zäsur postuliert. So schrieb Edward Rothstein wenige Tage nach den Anschlägen in der „New York Times“: „This destruction seems to cry out for a transcendent ethical perspective. And even mild relativism seems troubling in contrast. (…) Pomo [gemeint ist die Postmoderne, C.R.] is partly an attempt to question the fundamental philosophical and political premises of the West. It argues that many of the concepts we take for granted – including truth, morality and objectivity – are culturally ’constructed’. (…) One can only hope that finally the Western relativism of pomo  (…) will be widely seen as ethically perverse.“[1] Und im „Time Magazine“ sekundierte Roger Rosenblatt: „One good thing could come from this horror: it could spell the end of the age of irony. For some 30 years – roughly as long as the Twin Towers were upright – the good folks in charge of America's intellectual life have insisted that nothing was to be believed in or taken seriously. Nothing was real. (…) The ironists, seeing through everything, made it difficult for anyone to see anything. The consequence of thinking that nothing is real (…) is that one will not know the difference between a joke and a menace. No more. The planes that plowed into the World Trade Center and the Pentagon were real. The flames, smoke, sirens – real. The chalky landscape, the silence of the streets – all real. I feel your pain – really.“[2] Glaubt man Rothstein und Rosenblatt, hat der Einschnitt von 9/11 der spielerischen Leichtigkeit des postmodernen „Anything goes“, die offenbar während der 80er und 90er Jahre tonangebend war, ein ebenso abruptes wie brutales Ende bereitet. Zu einem ähnlichen Schluss kam der evangelikale ZDF-Journalist Peter Hahne mit seinem Buchtitel „Schluss mit lustig! Das Ende der Spaßgesellschaft“.

Unterstellt wird damit allerdings auch, dass es sich bei der Postmoderne um einen klar definierbaren Zeitabschnitt mit einem exakt bestimmbaren Anfang und Ende handle. Doch beruht eine solche Sichtweise auf einem Missverständnis: Denn die Vorsilbe „Post-“ legt zwar nahe, dass die Postmoderne auf die Moderne folgt, sie also gleichsam abgelöst hat, doch sieht sich die Postmoderne selbst als ein Teil der Moderne, wobei diese Moderne allerdings eben nicht mehr die gleichen Merkmale und Qualitäten wie noch zu ihrem Beginn aufweist. Man spricht daher auch konsequenterweise besser von der „postmodernen Moderne“.[3] Interessanterweise ist der Begriff „postmodern“ schon relativ alt, stammt er doch aus dem 19. Jahrhundert und bereits die Opern Richard Wagners werden heute teilweise als erste postmoderne Kunstwerke verstanden. Dies darf nun allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass das, was heute als postmodern gilt – also z.B. Architektur, Literatur, Kunst etc. – sich v.a. auf die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg bezieht, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf den siebziger, achtziger und neunziger Jahren. In diesen Jahrzehnten kam es zu einer Art „Erschöpfung“ der Moderne, indem ihre Versprechungen und Ideale in eine Glaubwürdigkeits- und Legitimationskrise gerieten. Der technologische Fortschritt etwa geriet durch die zunehmende Umweltzerstörung unter Rechtfertigungsdruck.

Wollte man das Phänomen Postmoderne näher definieren, könnte man dies mit den folgenden sieben Merkmalen:

1.)            Die Postmoderne ist gekennzeichnet durch Unbestimmtheiten, Doppeldeutigkeiten und Paradoxa innerhalb der Gesellschaft und ihrer Teilsysteme.

2.)            Ursache dieser Unbestimmtheiten ist eine Fragmentisierung, d.h. dass allumfassende, allgemeingültige Erklärungen und die „großen Erzählungen“ der Ideologien und philosophischen Entwürfe der Moderne in eine Krise geraten bzw. gar nicht mehr möglich und daher, wenn sie doch geäußert werden, zwangsläufig falsch sind. Theodor W. Adorno brachte das auf die hübsche Formel „Das Ganze ist das Unwahre“[4].

3.)            Wo allgemeingültige Erklärungen nicht mehr möglich sind, kommt es zu einer „Auflösung des Kanons“, also auch zu einer Negation und Auflösung allgemein verbindlicher Normen und Werte.

4.)            Die Postmoderne ist geprägt durch einen Verlust des Ideals eines autonomen, vernunftgeleiteten „Ich“ und der damit verbundenen „Tiefe“. Das „Ich“ entzieht sich der Interpretation, wendet sich von den Prämissen der Vernunft ab und bewegt sich stattdessen an der Oberfläche der Simulation, des Irrationalen und der Moden, schreckt aber auch vor Kitsch, Inszenierung und Pathos nicht zurück.

5.)            Kitsch, Inszenierung und Pathos sind schon deshalb von ihrem Negativimage befreit, weil die Postmoderne eine positive Haltung zur Ironie hat, zum humorvollen Spiel und damit auch zur Parodie oder sogar Travestie und Imitation, ja sogar zu einer „Karnevalisierung“ im Sinne einer „fröhlichen Distanz“ zu den Phänomenen der Zeit.

6.)            Diese „fröhliche Distanz“ der Postmoderne ermöglicht einen unbeschwerten Rückgriff auf unterschiedlichste Formen und Traditionen der Ästhetik, indem keine Beschränkungen mehr bestehen, was das Zitieren, die Kombination und das Sampling von Moden, Stilen, Kunstrichtungen etc. betrifft. Eben: „Anything goes“.

7.)            Auf einer technischen Ebene begünstigt und ermöglicht wird diese postmoderne Ästhetik durch die Digitalisierung, die die Differenz zwischen Realität und Virtualität verschwimmen lässt und letztendlich bedeutungslos werden lässt bzw. aufhebt.

Selbstverständlich hat es auch nie an Stimmen gefehlt, die das Phänomen Postmoderne als eine Art Phantom bezeichnet haben. Niklas Luhmann schrieb in seinem letzten großen Werk „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, dass es für einen Übergang von der Moderne zur Postmoderne in Form einer Epochenzäsur „keinerlei Anhaltspunkte“ gebe, allenfalls seien „die Dynamik der modernen Gesellschaft unterschätzt worden (…) und ihre Beschreibungen allzu statisch ausgefallen“.[5]    

Wenn man nun aber trotzdem davon ausgehen möchte, dass die Moderne seit Ende des Zweiten Weltkriegs tatsächlich eine immer stärker wahrnehmbare postmoderne Qualität entwickelt hat, stellt sich die Frage, ob ein so singuläres, wenngleich monströses Ereignis wie der 11. September einen solchen Prozess schlagartig zu beenden vermag. Heute, zehn Jahre später, scheinen die Dinge jedenfalls nicht mehr ganz so klar zu sein. Zwar wird immer noch hie und da vom „Ende der Postmoderne“ und einer angeblichen Post-Post-Moderne gesprochen, doch ist es offenbar längst nicht mehr so ausgemacht, dass die Ereignisse von 9/11 es waren, die ihr den Garaus gemacht haben. Zwar geht beispielsweise auch der britische Theologe Graham Ward davon aus, dass die Postmoderne „tatsächlich passé“ sei („wir bewegen uns inzwischen in anderen Gewässern“), den Zeitpunkt ihres Ablebens vermag er allerdings nicht mehr genau zu bestimmen: „Die Postmoderne starb irgendwann zwischen dem 11. September 2001 und der jüngsten Banken- und Finanzkrise“, so Ward in einem Interview mit der „Herder Korrespondenz“. Für ihn sind eher die Wirtschafts- und Finanzkrise ausschlaggebend für das Ende der Postmoderne: „Die jüngste Wirtschaftskrise war insofern der Sargnagel der Postmoderne, als die Krise des Kapitalismus auch eine Krise der gegenwärtigen Konsumkultur bedeutet. Wir bewegen uns eher auf eine Kultur der Entbehrung zu. Die nächste Generation wird ein ganz anderes Verhältnis zum Geld entwickeln und sich noch weitaus stärker postmaterialistisch definieren. Es gibt wichtigere Werte als die Unterhaltung, die für die Postmoderne ein zentrales Feld war. Die Verehrung der Oberflächlichkeit wird enden. Für die neuen Prioritäten, die in einer Kultur der Entbehrung weitaus strenger gesetzt werden müssen, wird man auf Werte zurückgreifen, an die sich die Postmoderne nicht gebunden fühlte.“[6] Auch wenn Ward den Akzent eher auf die Finanz- und Wirtschaftskrise legt, was den Endpunkt der Postmoderne betrifft, argumentiert er ganz ähnlich wie Rothstein und Rosenblatt: Äußere Ereignisse – seien es nun Terror oder wirtschaftliche Not – seien so eindringlich spürbar, dass sie die ironisch-fröhliche Distanz und den Konstruktivismus der Postmoderne an der nicht zu leugnenden Gewalt des factum brutum zerschellen lassen. Oder anders gesagt: Gegenüber der normativen Kraft des Schrecklichen habe die Oberflächlichkeit der Postmoderne scheinbar weder eine Chance noch eine Existenzberechtigung.

Doch stimmt dieser Befund? Gleicht man sozusagen die Ereignisse des 11. September mit einigen der oben genannten Merkmalen der Postmoderne ab, lässt sich folgendes feststellen: Die Bilder der Terroranschläge ließen viele Menschen glauben, sie hätten sich in einen Spielfilm eingeschaltet, weil das, was man zu sehen bekam, schlichtweg unglaublich war. Damit steht 9/11 aber genau für jene typisch postmodern verschwimmende Differenz und damit abnehmende Differenzierungfähigkeit im Bereich des binären Codes real/virtuell. Das Faktische wirkte aufgrund seiner Ungeheuerlichkeit fiktiv, was umso schwerer zu begreifen war, als in der Postmoderne sonst eher Fiktives als real wahrgenommen wird (man denke etwa an die ebenfalls typisch postmoderne Kultserie „Akte X“). Der Versuch, 9/11 anschließend in die Konstrukte diverser Verschwörungstheorien einzupassen, stellt in diesem Sinne den Versuch dar, das unglaublich Reale als etwas glaubwürdig Fiktives zu deuten und damit gewissermaßen die Balance des binären Codes wiederherzustellen. Insofern ist 9/11 vielleicht als der erste große postmoderne Terroranschlag zu sehen.

Dies auch deshalb – und hier treffen die Verschwörungstheorien unbeabsichtigt auf einen wahren Kern –, weil die Anschläge eine perfekte Inszenierung darstellten. Das „Drehbuch“ der Schläge gegen die USA hätte perfekter kaum sein können, da das zweite Flugzeug sozusagen vor den (Kamera-)Augen der Welt in das World Trade Center gelenkt werden konnte, nachdem der Einschlag der ersten Maschine die Voraussetzungen für diese weltweite Be(ob)achtung erst geschaffen hatte. Simultan ausgeführte Anschläge hätten wohl kaum die gleiche Aufmerksamkeit erzielt. Norman Mailer soll die Ästhetik des 11. September „monströs, aber brilliant“ genannt haben[7], und Klaus Theweleit hat die Auffassung vertreten, dass die Clips und Nachrichtenbilder jenes Tages ein „Kunstwerk“[8] seien, denn „die Bilder von der Inszenierung des Crashs im Fernsehen haben etwas Artistisches; wer sie so wahrnahm, braucht sich keinen Vorwurf zu machen.“[9] Dass eine solche Haltung als typisch postmoderne Ironie, ja sogar Zynismus, gesehen werden kann, liegt auf der Hand. Doch wenn man die für die postmoderne typische Negation allgemeiner Normen und Werte annimmt, erscheint eine solche Sichtweise durchaus als legitim. Und auch der Pathos der Entrüstung über eine solche Sichtweise ist so ausgeprägt, dass man ihn getrost postmodern nennen kann, ist doch der Pathos, wie oben erwähnt, durchaus ein Wesenszug der Postmoderne. Opfer dieses Pathos der Entrüstung wurde wenige Tage nach 9/11 der Komponist Karlheinz Stockhausen, der in bester postmoderner Manier den Versuch gewagt hatte, das Unfassbare nicht unter vermeintlich allgemeingültigen moralischen, sondern als Kunstwerk, d.h. unter rein ästhetischen Prämissen zu fassen – und damit einen veritablen Skandal ausgelöst hatte.[10] „Selten taten Leute so deutlich kund, in welcher Realität sie lebten und wie alleinig gültig diese, ihre Realität, für sie war“[11], schrieb Klaus Theweleit und wies so implizit darauf hin, dass es unter postmodernen Prämissen die eine Realität eben gerade nicht mehr gibt.

Daran hat sich auch seit und trotz 9/11 nichts geändert, mögen Moral, Ernst und Verdammung der postmodernen Ironie angesichts des Horrors auch noch so sehr beschworen worden sein. „Wir alle spielen alle Theater, und seit dem 11. September 2001 wird ein tragisches Stück gegeben: Der Krieg gegen den Terror“, schrieb Norbert Bolz kurz nach den Anschlägen.[12] Und in der Tat ließe sich durchaus die Auffassung vertreten, dass der „Jargon der Neuen Ernsthaftigkeit“, verbunden mit seiner „Pathetisierung des Moralischen“[13] und der befriedigenden Gewissheit „Jetzt wird den postmodernen Ironikern das Lachen vergehen“[14], lediglich Show ist und darüber hinwegtäuschen soll, dass die Trümmer des World Trade Centers die Trümmer des Liberalismus und der Aufklärung symbolisieren, also exakt zwei der grossen Erzählungen, die in der Postmoderne zu ihrem Ende gekommen sind, weil sie nicht mehr überzeugen.

Macht man sich diese Sichtweise zu eigen, gelangt man zu einem überraschenden Befund: Was am 11. September 2001 mit dem World Trade Center einstürzte, war nicht die Postmoderne, sondern der letzte Rest jener Moderne, wie wir sie kannten. 9/11 steht damit nicht für das Ende der Postmoderne, sondern eher dafür, dass ihre Dynamik ungebrochen ist. Das Gerede von einer angeblichen Post-Post-Moderne ist deshalb eher Ausdruck der Verständnislosigkeit und Verständnisunwilligkeit, was den radikalen technischen, politischen, sozialen und kulturell-ästhetischen Wandel betrifft, den die Postmoderne mit sich bringt und dessen Dimensionen und Konsequenzen sich noch gar nicht absehen lassen. Im Übrigen sollte man sich hüten, jedes noch so gewaltige Ereignis gleich zur historischen Zäsur hochzustilisieren. Denn gerade die Postmoderne verfügt über eine erstaunliche Fähigkeit, selbst schrecklichste Ereignisse zu absorbieren, dafür sorgen schon die Medien, indem der Schrecken der einen Katastrophe durch den einer anderen Katastrophe gemildert wird, fast so als gelte das „Similia similibus curantur“ der Homöopathie für die mediale und psychische Katastrophenbewältigung. Oder anders gesagt: Nach der Katastrophe ist nur vor der Katastrophe. Die daraus resultierende Katastrophenrelativierung hat es im Übrigen auch ermöglicht, dass die postmoderne Oberflächlichkeit, die Ironie und Distanz, anders als von Rosenblatt und Rothstein gewünscht und erwartet, eben doch überleben konnten. Die trotz 9/11 ungebrochene Penetranz der Comedy im Bereich der Unterhaltungsindustrie und die fortschreitende Boulevardisierung der Medien beweisen dies eindrücklich. Offenbar hat die Postmoderne ein äußerst effizientes medienästhetisches „Noli me tangere“ entwickelt, was Katastrophen betrifft. Und daran hat nicht einmal 9/11 etwas zu ändern vermocht.

 



[1] New York Times, 22.9.2001.

[3] Der Soziologe Ulrich Beck hat diesem mit dem Präfix „Post-“ verbundenen Missverständnis auszuweichen versucht, indem er den Begriff „zweite Moderne“ in die Debatte einbrachte, konnte sich gegen die Dominanz des Terminus Postmoderne bisher aber nicht durchsetzen.

 

[4] Theodor W. Adorno, „Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben” (=Gesammelte Schriften, Bd. 4), Frankfurt/M. 1997, 55.

[5] Niklas Luhmann, „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, 2. Teilband, Frankfurt/M. 1997, 1143.

[7] Zit. nach Klaus Theweleit, „der Knall: 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell“, Frankfurt/M 2002, 131.

[8] Ebd., 132.

[9] Ebd., 134.

[10] Siehe dazu ausführlicher MD 11/01, 379ff.

[11] Theweleit (wie Anm. 7), 126.

[12] Norbert Bolz, „Das konsumistische Manifest“, München 2002, 19.

[13] Ebd., 20.

[14] Ebd., 22.

„…but what I’ve read, I think, it’s true“: Karlheinz Stockhausen and „The Urantia Book“

Many spiritual sources have influenced the work and beliefs of Karlheinz Stockhausen. Among them, the Urantia Book (UB) is an outstanding one because its strong influence can especially in LICHT and KLANG be seen and of course be heard. Therefore it’s strange enough that many musicologists have forgone the UB for a long time. But luckily there has been a change and a growing interest for the relation between Stockhausen and the UB.[1]

So what is the UB? It is a book with more than 2‘000 pages published for the first time in 1955 in Chicago. Since then more than 750‘000 copies of the UB have been sold.[2] At the moment there are translations in 15 languages, so in German, French, Dutch, Finnish, Korean, Italian, Spanish, Russian and Portuguese. The UB belongs to the wide field of channeling messages and is said to have been transmitted by higher celestial beings. The names of those beings are listed in the Contents of the UB and sound in part very strange. They are for instance called „Mighty Messenger“, „Secondary Lanonandek“, „Vorondadek Son“ „Brilliant Evening Star“ or – quite simple – Archangel. What they had to say and to transmit was collected and divided in four parts with a total of 196 chapters called „papers“. Part I has the title „The Central and Superuniverses“, Part II „The Local Universe“, Part III „The History of Urantia“ (which is our planet) and Part IV „The Life and Teachings of Jesus“. The UB presents information about the nature of the universes and God, the loving father, his relationship to the human beings, their destination after death and what Jesus made and taught during his time on Urantia. The content of the UB is very complex, its language sometimes rather difficult. So here’s an example from the Foreword, perhaps the UB’s most difficult part:

The Deity mechanism of the master universe is twofold as concerns eternity relationships. God the Father, God the Son, and God the Spirit are eternal — are existential beings – while God the Supreme, God the Ultimate, and God the Absolute are actualizing Deity personalities of the post-Havona epochs in the time-space and the time-space-transcended spheres of master universe evolutionary expansion. These actualizing Deity personalities are future eternals from the time when, and as, they power-personalize in the growing universes by the technique of the experiential actualization of the associative-creative potentials of the eternal Paradise Deities.“ (UB 0:7.1)

But how did it come to the UB?[3] The key-figure is William S. Sadler (1875-1969)[4], a Chicago-based psychiatrist and former preacher of the Seventh-Day-Adventists. Sadler’s wife Lena belonged to the also Adventist Kellogg family in Battle Creek/Michigan and was a niece of the cranky but also famous physician John Harvey Kellogg (today especially known for the inventions cornflakes and peanut butter). One evening in the summer of 1912, Sadler and his wife were called by a neighbour whose husband was deeply fallen asleep and held his breath for a long time. The man, only called „the sleeping subject“ because his identity is still (and will for ever remain) unknown, later started to answer Lena’s questions while he was sleeping and told in a voice which obviously was not his own that he was a „student visitor“ from a distant planet. That was the beginning of a conversation between the Sadlers and different celestial beings. It took around twelve years, until the Sadlers told friends about their strange contact. They asked them to ask questions, too, and more than 4000 questions could be collected. At first, no answer came. But then, during one single night, the sleeping subject wrote a text of 472 pages which answered all questions. The manuscript showed the sleeping subject’s handwriting but he couldn’t remember to have written it. In 1924, Sadler formed a „Contact Commission“ who was consisting of close friends and relatives and who transformed the question-answer-dialogue with the higher beings into the papers of the UB.

Five years before it was published the Contact Commission became the Urantia Foundation which exists still today. This non-profit organization is „the custodian of the inviolate text of The Urantia Book“ and wants „to ensure that the book's teachings are spread, with the help of readers and fraternal organizations, to all people.“[5] Its headquarter is in Chicago, in the same house where the Sadler family lived. There are different readers‘ organizations but the nucleus of the Urantia movement are the so-called „study-groups“, loose, self-organized groups of people privately coming together to read and discuss the UB. So the people gathering around the UB form neither a cult nor a church. There are said to exist about 350 to 450 UB study-groups worldwide[6] but the Urantia Foundation wants to attain the goal of 1000 study-groups in 2025. That might be realistic because 21 % more books have been sold last year only[7] so that there seems to exist a growing interest in the UB, especially in countries which hadn’t an own translation so far (the story of the German translation you’re going to hear soon).

The UB seems to have influenced many musicians, such as Elvis Presley, Jimmy Hendrix, Janis Joplin, Jerry Garcia of „The Greatful Dead“, the bands „The Moody Blues“ and „Spirit“. The jazz rock fusion-band „Weather Report” performed a composition called „Havona” – so that we can say that Karlheinz Stockhausen was absolutely not the only musician influenced by the UB. He got this „alien bible” in the United States. After an outstanding concert in New York City on the 25th of February 1971, a weird guy approached Stockhausen and shouted at him: „Stockhausen, I have to talk to you!” Everybody stepped aside. Stockhausen agreed to speak with the man, who had a long beard, was barefooted, and had a long shepherd-like stick in his hand. The man began to play a flute, which he removed from his tattered coat. Stockhausen was amused, as he listened to the man first play his flute and then tell him about the UB, which Stockhausen bought for twenty dollars. In the mid-seventies the book was becoming more and more important for him. Once in 1974, he opened one of his lectures at the university in a very strange way: He came in, threw the blue book with a loud bang onto the desk and said: „If you want to remain my students, you must read this!”

There are some clear references to the UB in Stockhausen’s LICHT. First of all, the signs of Michael and Lucifer: The UB tells us, that the banner of Michael shows „the material emblem of the Trinity government of all creation, the three azure blue concentric circles on a white background“, whereas „the Lucifer emblem was a banner of white with one red circle, in the center of which a black solid circle appeared“ (UB 53:5.4 and 5). You find this information in the UB’s paper no. 53 called „The Lucifer Rebellion“. The UB’s Michael is not an archangel but a so-called „Creator-Son“ who  has created and rules our local universe Nebadon so that the UB calls him „Michael of Nebadon“, a wording you also find in MICHAEls JUGEND of the DONNERSTAG. On earth, Michael of Nebadon incarnated as Jesus Christ so that he’s also called Christ-Michael. The libretto of ARGUMENT, the verbal fight between Michael and Lucifer shows another strong reference to the UB because both tell us that Lucifer ruled 607 inhabited worlds (UB 53:1,1.) forming the local system Satania which is a part of the universe Nebadon. If you compare DONNERSTAG aus LICHT with the UB you will see that especially the UB papers 53 and 54 about Lucifer’s rebellion have influenced Stockhausen. When I met Stockhausen after a concert in July 1999 in Kiel I had the opportunity to ask him whether he had read all the 2097 pages of the UB or only parts of it. He answered: „I have not read the whole book but what I’ve read, I think, it’s true.“ The running time demands that I cannot list now all the parallels between LICHT and the UB so I only want to add that many other traces of the UB you’ll find in LICHT, especially in the MONTAG and FREITAG for the idea that Eva is responsible for the education of mankind but couldn’t stand the evil seduction by Cano (Stockhausen calls him Caino) is also told in the UB.

Until 2005, this thick blue book was difficult to get in Germany and not available in German. But then it finally became possible to bring out a German version. The translation had taken 13 years and the translator was Mr. Urs Ruchti, a Swiss pianist living near Paris. As you can imagine, it’s a very difficult and exhausting task to translate such a complex stuff like the UB and there have often been long and intense discussions between the readers and the Urantia Foundation about the quality of some translations. At the moment the Urantia Foundation is preparing a Chinese and a Japanese version which is even more difficult because in both languages certain words, essential for the content of the UB, are missing. You can also download the Urantia Book as a free pdf file or audio book in the internet. In the meantime, already the second edition of the German translation is being sold so that the Urantia Foundation can be very satisfied with the number of sold books in the German speaking area.

After in 2005 I had learnt that the German UB had been published I sent it to Stockhausen as a birthday present. He was very happy about it and wrote to me on a postcard: „Welch schöne Überraschung ist die deutsche Übersetzung des URANTIA-Buchs: Dank auf Dank in Dank!”[8] Stockhausen began to order several copies in order to give them away as a present (as far as I know for instance to his doctor). And when I met him for the last time in summer 2007 in Kürten he told me: „You know, I often tell people what I like to do after death. Those people react very stunned then and so I tell them ‚Well, I gonna give you something to read…‘“ – of course it was the UB Stockhausen gave them.

So can it just be a pure coincidence that soon after Stockhausen came into contact with the German UB he began to compose those parts of KLANG which have „Urantian“ titles (HAVONA, ORVONTON, UVERSA, NEBADON, JERUSEM, URANTIA and EDENTIA)? I don’t think so. And even more: Also the libretti show a strong influence of the UB. When the bass sings in HAVONA: „God – your children (black, white, green, yellow, red, brown and blue ones) – quest step by step from – URANTIA to JERUSEM in NEBADON – further through UVERSA – (headquarter of ORVONTON in a ring of seven higher universes) – And the great ORVONTON – (seventh super-universe with the center of the milky way star system) – via EDENTIA to HAVONA“, is this a kind of short description of the travel the ascending souls of the mortal beings make on their way to paradise as it is shown in the UB. The libretto of UVERSA contains many „Urantian“ notions as well, such as the Lanonandek- and Melchizedek-Sons, the Brilliant Evening Stars or the Mansion Worlds. These names don’t appear in LICHT yet. So I guess that Stockhausen used the possibility of having the German UB for a kind of „re-lecture“ and perhaps he also read now the parts he hadn’t read before.

Please allow me an even more daring assumption: As you certainly know, Stockhausen couldn‘t accomplish KLANG so that the hours 22 to 24 are missing. In a report by the German TV about KLANG[9], Kathinka Pasveer told that Stockhausen’s sketches unfortunately don’t contain any information about the planned titles for these last three hours. But if you consider that the hours 14 to 21 deal with the stations on the way the ascending mortals take from Urantia, our planet, to Paradise according to the UB then you have to ask what comes after Paradise? Well, Paradise is, as the UB tells us in paper 11, „the eternal center of the universe of universes and the abiding place of the Universal Father, the Eternal Son“ and „the Infinite Spirit“ (UB 11:0.1), that means the trinitarian God. That brought me to the idea whether Stockhausen could have reserved the hours 22 to 24 for the Universal Father, the Eternal Son and the Infinite Spirit. This is, of course, my own pure speculation and I have no other evidence for this than the logic of the UB. Maybe I’m totally wrong, who knows…

But what made the UB so attractive for Stockhausen and still makes it so attractive for so more other people? I think the book shows a strange but obviously attractive mixture of fantastic declarations about the universe or the destiny of the human beings after death and exhausting, sometimes even boring descriptions of the different levels of hierarchy in a universe well administered by a loving Father. But, and here I agree with Thomas Ulrich who wrote something similar[10], I guess that it was this mixture which made the UB so attractive for Stockhausen. Talking about LICHT, he once said that he was going from the small to the big and from the big to the small so that there is a universal conjunction and relation[11] and this is exactly what the UB shows, too. It shows the universe as an extreme complex composition in which nothing happens by accident, where everything is planned and everything has its place. Furthermore, we must not forget that one of the basic ideas of the UB is evolution – evolution of the universes, mankind’s evolution towards a more spiritual existence but also evolution of every single human being when he or she has died and starts a thrilling voyage to the centre of all universes, God’s Isle of Paradise. And I think Stockhausen always agreed with this idea of evolution, even and especially the evolution beyond death and earth.

People who have fallen in love with the UB often tell that they can’t imagine to live without it any more. „Reading the UB just brought so much purpose and meaning to my life”, says a female reader. „It overshadows everything, it embraces everyone here on the planet for me, it gives me a reason to love my fellow human beings.” And a male reader says: „The UB sets the stage by expanding our cosmic consciousness (…) to the point that we truly realize that this great journey that we’re embarking on is the discovery of this infinite god and it’s an endless journey”.[12] In Stockhausen’s case, I guess that he especially loved this cosmic dimension of the UB but also perhaps its statements about music. And so I want to close with a longer quotation from paper 44 and its section „The Celestial Musicians“:

„Harmony, the music of the seven levels of melodious association, is the one universal code of spirit communication. Music, such as Urantia mortals understand, attains its highest expression in the schools of Jerusem, the system headquarters, where semimaterial beings are taught the harmonies of sound.  (…) Appreciation of music on Urantia is both physical and spiritual; and your human musicians have done much to elevate musical taste from the barbarous monotony of your early ancestors to the higher levels of sound appreciation. The majority of Urantia mortals react to music so largely with the material muscles and so slightly with the mind and spirit; but there has been a steady improvement in musical appreciation for more than thirty-five thousand years. (…) While you have assembled some beautiful melodies on Urantia, you have not progressed musically nearly so far as many of your neighboring planets in Satania. If Adam and Eve had only survived, then would you have had music in reality; but the gift of harmony, so large in their natures, has been so diluted by strains of unmusical tendencies that only once in a thousand mortal lives is there any great appreciation of harmonics. But be not discouraged; some day a real musician may appear on Urantia, and whole peoples will be enthralled by the magnificent strains of his melodies. One such human being could forever change the course of a whole nation, even the entire civilized world. It is literally true, ‘melody has power a whole world to transform‘. Forever, music will remain the universal language of men, angels, and spirits. Harmony is the speech of Havona.“ (UB 44:1,4-5 and 1,8)



[1] See  as  one  of  the  first  publications  to  this  issue  Markus  Bandur:  „‘...alles  aus  einem  Kern  entfaltet,  thematisch  und  strukturell’.  Karlheinz  Stockhausen  und  die  Rezeption  des  Urantia Book  in  LICHT“,  in:  Imke  Misch  and  Christoph  von  Blumröder (Eds.):  „Internationales  Stockhausen-Symposium  2000:  Licht.  Musikwissenschaftliches  Institut  der  Universität  zu  Köln,  19.  bis  22.   November  2000.  Tagungsbericht“,  Münster  2004,  136-147,  and  Christian  Ruch:  „Noten  für  Nebadon  –  Anmerkungen  zur  Polemik  um  das  Werk  des  Komponisten  Karlheinz  Stockhausen“,  in:  „Materialdienst“  of  the  Evangelische  Zentralstelle  für  Weltanschauungsfragen  (EZW),  7/1999,  209-210.  

[2] Urantia Foundation‘s News Online, June 2011, 1, quoted from www.urantia.org/sites/default/files/docs/Foundation_2011_June_Newsletter.pdf.

[3] The viewpoints about the genesis of the UB diverge very much. See for example the critical viewpoint of Martin Gardner in his book Urantia – the Great Cult Mystery”, Amherst NY 1995, 113-134, and the description by the UB supporter Mark Kulieke in his booklet Birth of a Revelation”, Green Bay WI 31994 (in German: „Geburt einer Offenbarung. Die Entstehung des Buches Urantia”, Hanau 2007).

[6] Urantia Foundation‘s News Online, June 2011, 1, www.urantia.org/sites/default/files/docs/Foundation_2011_June_Newsletter.pdf. Of course also the Urantia Foundation knows that in the case of the UB there is a great difference between the number of sold books and the number of actually read books which explains the wide gap between the high number of printed and sold books and the relatively small number of UB study-groups.

[7] Ibd., 2.

[8] Postcard to the author, 15th of August 2006.

[9] „‘Lass mich ewig komponieren‘. KLANG – Die 24 Stunden des Tages“, a film by Enrique Sánchez Lansch, 2010.

[10] Thomas Ulrich: „Christlicher Glaube im Weltraum-Zeitalter. Stockhausen und ‚Das Buch Urantia‘, in: „MusikTexte“ 129 (May 2011), 4.

[11] „Stockhausen – LICHTWERKE“, a film by Henning Lohner, 1988.

[12] Quotations from a youtube clip, see www.youtube.com/watch?v=iJcf8n3sqM0&feature=related.

 

Eine kleine Soziologie des Weltuntergangs

In den fünfziger und frühen sechziger Jahren trug sich im Haus einer nicht sehr ansehnlichen Straße im Arbeiterviertel bei den Leverkusener Bayer-Werken Merkwürdiges zu. Fast jeden Tag empfing dort eine Frau Kundgaben, die sie Jesus zuschrieb. Oft enthielten sie Warnungen vor dem nahen Ende. So soll Jesus ihr am 12. November 1954 folgendes diktiert haben: „Lasset euch nicht beirren, und glaubet Meinen Worten, die euch das nahe Ende ankünden .... Tag und Stunde ist euch nicht gesagt, weil es nicht gut ist für euch, so ihr darum wüßtet. Doch keiner von euch stellt sich den Tag des Endes so nahe vor, wie der Tag festgesetzt ist seit Ewigkeit. Jeder von euch hat seine Augen noch so weit auf die Welt gerichtet, daß er es nicht für möglich hält, daß dieser ein so schnelles Ende gesetzt sein soll .... denn jeder von euch denkt noch reichlich irdisch, selbst wenn er zu den Meinen gehört und geistig strebt. (…) Und ihr Menschen werdet keine Zeit bestimmen, denn Ich werde kommen wie ein Dieb in der Nacht .... Aber spottet nicht dessen, was vor euch liegt, weil ihr nicht glaubet .... auf daß ihr es nicht dereinst zu bereuen brauchet. Immer wieder erwecke Ich Seher und Propheten, um durch diese euch zu warnen und zu mahnen, auf daß ihr euch vorbereitet auf das Unvermeidliche.“[1] Die aus Schlesien stammende und nach dem Zweiten Weltkrieg in Leverkusen lebende Schneiderin Bertha Dudde (1891-1965) empfing über 9000 angeblich göttliche Kundgaben, die sie niederschrieb und die bis heute von einer kleinen Anhängerschar verbreitet werden. Nichts ist in diesen Botschaften von der Aufbruchs- und Fortschrittseuphorie der Nachkriegszeit zu spüren. Stattdessen künden sie schwermütig und düster von einem „geistigen Tiefstand der Menschen“, der den baldigen „Weltenbrand“ zwangsläufig nach sich ziehe.[2]

Doch Bertha Dudde war längst nicht die Einzige, die mit dem nahen Ende rechnete. In Endzeiterwartung befand sich in den fünfziger Jahren auch die Neuapostolische Kirche, deren oberster Leiter, der sogenannte „Stammapostel“ Johann Gottfried Bischoff, im Weihnachtsgottesdienst 1951 in Gießen verkündet hatte, dass sich die Wiederkunft Christi noch zu seinen Lebzeiten ereignen werde. Angesichts des Umstands, dass Bischoff zu diesem Zeitpunkt bereits stolze 80 Jahre zählte, mussten jene neuapostolischen Christen, die ihrem „Stammapostel“ glaubten – und das war die Mehrheit –, davon ausgehen, dass der Tag des Endes tatsächlich nicht mehr fern sei, was innerhalb der Kirche „starke endzeitlich geprägte Aktivitäten“ auslöste und unter den Gläubigen eine „große Bewegung“ hervorrief.[3] Erschwerend kam hinzu, dass „Stammapostel“ Bischoff seine Endzeiterwartung zum verpflichtenden Glaubensgut erklärte und Kirchenmitglieder, die daran zweifelten, ausgeschlossen wurden. So führte die Botschaft Bischoffs zur größten Abspaltung in der jüngeren Geschichte der neuapostolischen Kirche. Immerhin überlebte die Kirche die Herausforderung durch die Tatsache, dass Bischoff 1960 starb, ohne dass sich in irgendeiner Weise die Wiederkunft Christi ereignet hätte. Die Kirche rechtfertigte diesen offensichtlichen Lapsus bis in die jüngste Vergangenheit immer damit, dass Gott seine Pläne offenbar geändert habe. Von einem Irrtum Bischoffs auszugehen lag jenseits aller Vorstellungskraft. Einer von Bischoffs Nachfolgern, „Stammapostel“ Richard Fehr erklärte noch 1995: „Wir halten daran fest, dass der Stammapostel sich nicht geirrt hat.“ Erst in jüngster Zeit scheint die Neuapostolische Kirche bereit, die Sache etwas anders zu sehen, und sich zu überlegen, ob sich Bischoff nicht vielleicht doch geirrt haben könnte.

 

Die Sehnsucht nach dem Weltende als Ausdruck des Protests

Diese beiden Beispiele für Endzeiterwartungen werfen die Frage auf, warum Menschen eigentlich immer wieder anfällig für apokalyptische Gefühlslagen werden, den Weltuntergang also hin und wieder geradezu zu herbeizusehnen scheinen. Oder anders gefragt: Warum wünschen sich Gläubige den Weltuntergang? Zunächst einmal ist festzuhalten, dass apokalyptisches Gedankengut aus Judentum wie Christentum kaum wegzudenken sind, man denke etwa an Dan 7 oder die Offenbarung des Johannes wie auch die Worte Jesu selbst. Apokalyptiker haben – sofern sie sich der jüdisch-christlichen Tradition zugehörig fühlen die Bibel auf ihrer Seite, was sie ja auch oft nicht müde werden zu betonen.

Doch zeigt die Geschichte, dass Endzeiterwartungen nicht gleichmäßig auftreten, sondern sozusagen einem konjunkturellen Zyklus unterworfen sind. Oder etwas flapsig gesprochen: Man hat nicht immer gleichviel Lust auf Weltuntergang. Das Herbeisehnen des Endes tritt immer dann auf, wenn die Zeit und Umwelt als belastend, ja unerträglich erfahren werden. Apokalyptisches Denken ist so etwas wie ein Notausgang aus der Gegenwart, Ausdruck des Empfindens, dass es „so nicht weitergehen“ könne und man sich das Weltende bzw. den Eingriff Gottes herbeisehnt, um diesen qualvollen Zustand zu beenden. Apokalyptisches Denken ist also Ausdruck des Protests, oft genug auch eines Protests gegen die Herrschenden bzw. die herrschenden Zustände. Das erklärt, warum sich apokalyptisches Gedankengut immer wieder mit revolutionärer Unrast paaren konnte, so etwa die Theologie Thomas Müntzers mit den Forderungen der aufständischen Bauern im sogenannten Bauernkrieg zur Zeit der Reformation.

Wer gegen etwas protestiert, macht zweierlei: Er zieht eine Trennungslinie zwischen sich und den oder das, wogegen protestiert wird: Hier wir Opfer – dort ihr Täter, oder im religiösen Kontext: Hier wir Frommen und Gottgefälligen – dort ihr Sünder und Frevler. Die Trennungslinie ist also auch eine moralische Grenze im Sinne einer Verurteilung und eines „Sich-für-besser-Haltens“[4]. Dieser Grenzziehung haftet allerdings etwas Künstliches und Virtuelles an, es ist also sozusagen eine Grenzziehung-als-ob. Denn „Protestkommunikation erfolgt zwar in der Gesellschaft, sonst wäre es keine Kommunikation, aber so, als ob es von außen wäre“, wie der Soziologe Niklas Luhmann festgestellt hat.[5] Zeugen Jehovas protestieren gegen eine gottlose Gesellschaft, der sie nicht angehören wollen und nach eigenem Verständnis auch tatsächlich nicht angehören – was natürlich Unfug ist, denn außerhalb einer Gesellschaft ist soziales Leben nicht möglich. Und dass sich die Zeugen Jehovas sehr wohl der Gesellschaft zugehörig fühlen, zeigt ihr Streben nach Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Deutschland. 

Was sich jedoch beobachten lässt: Der Protest erfolgt immer von der Peripherie eines sozialen Systems (also der Gesellschaft, eines Staates oder auch einer Kirche) in Richtung Zentrum.[6] Denn nur so lässt sich überhaupt erst die Fiktion aufrechterhalten, in der Gesellschaft gegen die Gesellschaft protestieren zu können. Ostdeutsche Hartz IV-Empfänger protestieren gegen „die da oben“ in Berlin, radikale Basken gegen die spanische Zentralregierung in Madrid, katholikale Frömmler wie z.B. die vorkonziliar orientierten Pius-Brüder gegen die vermeintlich gottlosen Zustände im Vatikan. Protestbewegungen sind also meistens buchstäblich nicht mehrheitsfähige Randerscheinungen, weil sie mit ihrer „alarmierenden Kommunikation“[7] anders kommunizieren (müssen und wollen) als im Zentrum kommuniziert wird. Werden sie mehrheitsfähig und erobern sie sozusagen das Zentrum (z.B. im Rahmen einer Revolution), ist der Protest zu Ende. Das Zentrum ist an einer möglichst reibungslosen, störungsfreien Kommunikation zur Aufrechterhaltung des sozialen Systems interessiert – die Protestierenden sind das gerade nicht, sie wollen stören und provozieren, um im Zentrum Gehör zu finden. Ihrerseits reagiert die Gegenseite „überrascht bis verständnislos“[8]. Dies schon deshalb, weil man – so Luhmann – „gegen Komplexität“ gar „nicht protestieren“ könne. „Um protestieren zu können, muss man deshalb die Verhältnisse plattschlagen.“[9]

Diese Kommunikation des Protests ist jedoch eine ziemliche Einbahnstraße: Man protestiert so laut, das man der Gegenseite nicht zuhört und deshalb alle Äußerungen von dort allenfalls so gefiltert wahrnimmt, dass sie zur Rechtfertigung des Protests dienen. Niklas Luhmann schrieb: „Es fehlt (…) eine Berücksichtigung der Selbstbeschreibung derjenigen, gegen die man protestiert. Man versucht nicht zu verstehen.“[10] Sich selbst schreiben die Protestierenden – mehr oder weniger unbewusst – eine „gewisse Unschuld des Operierens ‚um der Sache willen zu’“, was bedeutet, dass die angebliche Renitenz der Gegenseite zur Ausblendung all dessen legitimiert, was auf der Gegenseite vielleicht nicht kritikwürdig ist, im eigenen Lager dafür umso mehr kritisch hinterfragt werden müsste. Ein ebenso schönes wie unerfreuliches Beispiel dafür ist etwa die völlig unreflektierte Überheblichkeit und moralische Anmaßung der terroristischen RAF gegenüber dem bundesdeutschen Staat und seinen Organen.  

Ziehen wir ein erstes Fazit: Wenn apokalyptische Naherwartungen im Grunde Ausdruck eines Protests sind, gelten für Strömungen, die solche Naherwartungen vertreten, folgende Merkmale: 

  • Markierung einer moralischen Grenze im Sinne eines „Sich-für-besser-Haltens“,
  • eine Kommunikation, als ob es von außen wäre,
  • eine Kommunikation von einer Peripherie in Richtung Zentrum, d.h.
  • die Protestierenden sind und bleiben meistens eine Randerscheinung, also Minderheit, gewinnen sie die Mehrheit, ist der Protest zu Ende;
  • die Kommunikation zeichnet sich durch fehlenden Willen aus, die Gegenseite zu verstehen, und
  • komplexe Verhältnisse werden sozusagen plattgeschlagen.

 

Die Sehnsucht nach dem Weltende als Ausdruck der Angst und Reaktion auf die Langeweile des Posthistoire

Doch scheint mir der Protest nicht die einzige Motivation für apokalyptische Gedanken zu sein, sondern auch die Angst. Diese Angst hat v.a. zwei Ursachen: einerseits ein Unverständnis der Zusammenhänge hochkomplexer Prozesse in der sozialen Umwelt und, damit verbunden, andererseits Probleme, die Welt- und die Eigenzeit aus ihrer Dissonanz zu lösen. Was ist damit gemeint? Die schwindelerregend schnelle Aufeinanderfolge vom Anfang und Ende der um uns ablaufenden Prozesse ist für den Menschen, der sich – vielleicht liegt das in seiner Natur – nach behaglicher Statik oder zumindest nach einer nicht dermaßen durch Schnelligkeit gekennzeichneten Geschwindigkeit in seinem Leben sehnt, schlicht und ergreifend überfordert. Der Soziologe Gerhard Schule schrieb: „Von stoischer Gelassenheit können wir nur träumen“, denn „unermüdlich arbeiten wir uns an Krisenvermeidung, Krisenbekämpfung, Krisenkompensation ab. Widerstrebend haben wir uns daran gewöhnt, dass Aufbruch und Ankunft in der Moderne schnell aufeinanderfolgen.“ Man muss ständig „ankommen, sich einrichten“, gleichzeitig jedoch auch „weitergehen, alte Arrangements umorganisieren oder ganz aufheben“ – das ist „ein Leben in kurzen Etappen, Alltagsgeschichte im Zeitraffer. Wenn dabei ständig von Krisen die Rede ist, so gehört dies zur eingefahrenen Fortbewegungsweise dazu. Die Besorgten unter uns finden umso mehr Grund zur Unruhe, je schneller die Moderne voranschreitet.“[11] Diese Unruhe resultiert wohl in erster Linie daraus, dass das Konzept der eigenen Biografie und Lebensgestaltung zumindest idealiter auf viel längere Phasen ausgerichtet wird, doch gerade dadurch in Widerspruch zur entfesselten Geschwindigkeit der Moderne gerät: Wer beispielsweise vor den Traualtar tritt, will vom soziologisch nachweisbaren Faktum der „seriellen Monogamie“ nichts wissen – hat aber vielleicht trotzdem in zehn  Jahren einen neuen Partner. Und diese Erkenntnis macht Angst, weil heutzutage grundsätzlich jede vermeintliche Gewissheit zur Disposition steht. Einen vermeintlichen Ersatz bietet die durch apokalyptisches Denken mögliche Gewissheit vom nahen Ende. Die verlorene Heilsgewissheit der zuversichtlich geäußerten Frage „Was darf ich hoffen?“ ist von der Unheilsgewissheit der bangen Frage „Was muss ich fürchten“ vertrieben worden[12]. Solcherlei Unheilsgewissheit ist zwar auch mit Angst verbunden, aber es findet doch gleichzeitig sozusagen eine Art homöopathischer Heilungsprozess statt: Gleiches wird durch Gleiches geheilt und die Weltangst durch die apokalyptische Angst ausgetrieben. Flapsig gesprochen: Wer das Ende der Zeiten auf sich zukommen sieht, muss sich vor dem Klimawandel nicht mehr fürchten.

Der Medienästhetiker Norbert Bolz hat außerdem darauf hingewiesen, dass apokalyptische Drohungen auch durchaus die Verheißung in sich tragen, „die eigene Lebenszeit mit der entfremdeten Weltzeit endlich zur Deckung zu bringen, die eigene Existenz mit der Welt zu synchronisieren. (…) Sei es der Untergang der Welt oder der Sonnenaufgang des Kommunismus, sei es die Rache der Natur an der Zivilisation oder das Flammenzeichen des Millenniums – das Entscheidende geschieht in deiner Lebensfrist.“ Denn „Apokalypse heißt stets: Was hier auf dem Markt der Gefühle angeboten wird, war noch niemals da: die Wende der Welt steht mir selbst bevor – als absolutes Erlebnis.“[13]

Die Apokalypse „als absolutes Erlebnis“ – das legt den Verdacht nahe, dass es sich bei der Kultivierung der Unheilsgewissheit um eine fiebrige Abwehrreaktion gegen die Langeweile des Lebens handeln könnte. „Leben ist langweilig“, heißt es bereits in Max Frischs wunderbarer Erzählung „Montauk“[14], und diese Erkenntnis steht nur scheinbar in einem Widerspruch zur vorher erwähnten Schnelligkeit des Werdens und Vergehens in der heutigen Gesellschaft. Denn eine Bewegung, die so schnell ist, dass sie die menschliche Wahrnehmung überfordert, wird schließlich nur noch als Stillstand wahrgenommen (man kennt diesen Effekt von Flügen in großer Höhe). Die Angst und die Langeweile sind also nur die beiden Kehrseiten ein und derselben Medaille. Der Stillstand ist das wichtigste Merkmal für das, was man „Ende der Geschichte“ oder französisch-vornehm „Posthistoire“ nennt. Ein Begriff, der augenscheinlich ebenso lächerlich wie sinnlos ist, denn schließlich passiert ja weiterhin allerhand auf dieser Welt. Warum also sollte Geschichte zu Ende sein? Doch Geschichte ist nicht nur eine Auflistung von Ereignissen, sondern ihre Deutung innerhalb eines Sinnschemas, oder um mit dem Historiker Lutz Niethammer zu sprechen: „Die Dinge gehen weiter, aber das Vertrauen in ihre Sinnhaftigkeit zerrinnt.“[15]  Ende der Geschichte heißt also nicht, dass nichts mehr passiert, ganz im Gegenteil. „Aber im Chaos der Ereignisse zeigen sich keine eigentlich historischen Strukturen mehr“, so nochmals Norbert Bolz.[16] Und Jean Baudrillard schrieb: „Die Hysterie der Geschehnisse ist selbst ein Erzeugnis des Endes der Geschichte. Weil es keine Geschichte mehr gibt, dürfen die Ereignisse nie aufhören.“[17] Wenn man sich die beiden Phänomene Apokalyptik und Posthistoire einmal näher betrachtet, so stellt man fest, dass es sich um zwei völlig gegensätzliche Denkschemata und Deutungskonzepte handelt. Proklamiert die Apokalyptik in gewisser Weise das Ende der Welt, proklamiert das Posthistoire den Ende des Sinns (nämlich des Sinns von Geschichte).[18] Während das Ende der Geschichte sich in Anlehnung an Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen durch eine Abdankung des Subjekts und damit eine Bankrotterklärung des bürgerlichen Individualismus, die Übermacht des Bösen und die Erstarrung der Verhältnisse charakterisiert, proklamiert Apokalyptik geradezu den Triumph des Subjekts – nämlich des göttlichen! –, die Vernichtung des Bösen und den Aufbruch der erstarrten Verhältnisse. Oder um es auf eine prägnante Formel zu bringen: Apokalyptik ist das Ende mit Schrecken, Posthistoire dagegen ein Schrecken ohne Ende. Dieser nachgeschichtliche Schrecken ohne Ende wird wie bereits erwähnt durch eine entsetzliche Langeweile charakterisiert. Nietzsche nahm diesen Zustand voraus, als er im „Zarathustra“ schrieb: „Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird! Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selbst nicht mehr verachten kann. (…) ‚Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?’ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.“[19] Dieses Leben ist allerdings allenfalls noch eine Existenzform „als ob“, d.h. „alle sehr gleich, sehr klein, sehr rund, sehr verträglich sehr langweilig. Ein kleines, schwaches, dämmerndes Wohlgefühl über alle gleichmäßig verteilt, ein verbessertes und auf die Spitze getriebenes Chinesentum“, so nochmals Nietzsche.[20] Dass das Posthistoire mit diesen Eigenschaften nicht bloß eine abstrakte Denkfigur ist, sondern durchaus – zumindest ästhetisch – eine Art Konkretisierung erfahren hat, weiß, wer einmal Bücher des angeblichen Skandalautors Michel Houellebecq gelesen hat. Hie treten völlig erstarrte, vereinsamte, hoffnungslose männliche Monaden auf, die allenfalls der Konsum von Pornografie und käuflichem Sex noch aus dem öden Rauschen des posthistorischen Einerlei reißen kann – wenn auch nur für jeweils kurze Momente.     

Mit dieser Langeweile verspricht die Apokalyptik in der denkbar radikalsten Form Schluss zu machen, indem sie wie bereits ausgeführt das „absolute Erlebnis“ verheißt. Oder um in Nietzsches Bild zu bleiben: Da der posthistorisch erstarrte Mensch keinen Stern mehr gebären kann, muss ein Stern vom Himmel fallen – nicht umsonst ein in vielen apokalyptischen Visionen vorkommendes Szenario! Dem „schwachen, dämmernden Wohlgefühl“ wird durch die apokalyptische Katastrophe unwiderruflich ein Ende gesetzt. Apokalyptik reagiert auf das Phänomen der Nachgeschichtlichkeit, indem sie das Ende der Geschichte durch das Ende der Welt gleichzeitig vollendet und überwindet. Das chaotische Rauschen von unzähligen Ereignissen, die sich nicht mehr sinnvoll in einen Deutungszusammenhang bringen lassen, führt apokalyptisches Denken wieder zurück in eine zielgerichtete Linearität: Alles läuft zu auf das Ende der Zeiten. Nur noch das Ende der Zeiten kann das Ende der Geschichte beenden.

 

Zusammenfassung

Fassen wir nochmals zusammen: Apokalyptik ist einerseits eine Form des Protests, aber auch der Angst und gleichzeitig das Gegenkonzept zum Ende der Geschichte. Dies gilt es im Folgenden zu konkretisieren. Zunächst ist allerdings noch festzustellen, dass Apokalyptik nicht gleich Apokalyptik ist. Vielmehr scheint sich das endzeitlich geprägte Denken inzwischen zumindest dreigeteilt haben: Es gibt 1.) eine säkular geprägte Apokalyptik, die aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse von einer teilweise oder völligen Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen ausgeht (Stichwort Klimawandel), 2. eine esoterisch, semi-religiös geprägte Apokalyptik (Stichworte Maya-Kalender, Jahr 2012), wobei in diesem Bereich nach meiner Wahrnehmung umstritten ist und heftig diskutiert wird, ob nun der Big Bang im Sinne einer weltvernichtenden kosmischen Katastrophe bevorsteht oder „nur“ zwar heftige, aber durchaus überlebbare Reinigungsprozesse, die zu einer Transformation der Erde und ihrer Bewohner auf einer höheren Schwingungsebene führen. 3. gibt es die klassische, christliche Apokalyptik, auf die ich nun im Folgenden näher eingehen will.

Betrachtet man sich die apokalyptisch geprägten Gemeinschaften wie die Zeugen Jehovas, die Siebenten-Tags-Adventisten, die Mormonen oder die Neuapostolische Kirche, so fällt auf, dass es sich bei diesen um Strömungen und Gruppierungen handelt, die im „langen“ 19. Jahrhundert zwischen 1789 und 1914 entstanden sind. Man darf nicht vergessen, dass in Europa und Nordamerika keine Epoche solch einen dramatischen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wandel mit sich gebracht hat wie das 19. Jahrhundert. Zweifellos: Auch das letzte Jahrhundert war wahrlich reich an Katastrophen, Umwälzungen und bahnbrechenden Erfindungen, doch die Welt hat sich zwischen 1789 und 1914 weitaus stärker verändert als im „kurzen“ 20. Jahrhundert zwischen 1914 und 1989. Dies liegt insbesondere an der Industrialisierung, die soziale Systeme, die über Jahrhunderte funktioniert hatten – man denke an die Großfamilie – brüchig werden ließ. Auf diese Brüche, die wiederum mit sozialer Unruhe und individueller Angst einhergingen, reagierten die genannten apokalyptisch ausgerichteten Neubildungen. Diese neuen Organisationen zeugten sozusagen vom „Widerstand gegen das, was die moderne Gesellschaft an Formen moderner Leben nahe legt“[21] – religiöser, apokalyptisch geprägter Pluralismus als Antwort auf und vor allem Protest gegen die zahlreichen Zumutungen der Moderne sozusagen.

Da die Moderne ihre Zumutungen nicht gerade reduzierte – ganz im Gegenteil! – konnten sich die apokalyptisch orientierten Gruppierungen und Sondergemeinschaften bis heute halten, auch wenn – oder vielleicht gerade weil? – die berechneten und geweissagten Endzeitdaten nicht einstellen wollten. Denn das Ausbleiben der Endzeit ließ sie paradoxerweise aktuell bleiben – wenn Jesus nicht heute kommt, so doch vielleicht schon morgen! Das heißt: Der posthistorischen Erstarrung und Langeweile wird eine Art Dauererregung des gespannten Wartens auf den Tag X entgegengesetzt. Der ehemalige neuapostolische Priester Siegfried Dannwolf hat dies sehr anschaulich beschrieben: „Unverändert wie seit hundert Jahren wurde die tägliche Erwartung des wiederkommenden Jesus gepredigt.  Dann würden alles Leid, aller Kampf, alle Not ein Ende haben. Die tägliche Botschaft war das wichtigste. Allein der Gedanke, dass Jesus gerade heute eventuell nicht kommen könnte, hätte bedeutet: Ich gehöre zu denen, die in ihrem Herzen sagen: ‚Mein Herr kommt noch lange nicht!’ Mit dieser Herzenseinstellung würde er mich nicht mitnehmen. In diesem Zusammenhang wurde uns folgende Geschichte zur Warnung erzählt: Eine Frau fragt ihren Apostel: ‚Lieber Apostel, wer füttert denn meinen Wellensittich, wenn Jesus uns zu sich nimmt?’ Antwort des Apostels: ‚Sie, liebe Schwester, denn mit Ihrem Herzen hängen Sie offensichtlich immer noch so an dem Tier, dass der Herr Sie nicht mitnehmen kann!’“ Siegfried Dannwolf beschreibt sehr schön, wie auch in der Neuapostolischen Kirche das apokalyptische Denken zu dem vorher beschriebenen „Sich-für-besser-Halten“ führt, und zwar im Sinne eines Glaubens an die exklusive Erwähltheit: „Wir waren die ‚Braut des Herrn’, das auserwählte Volk. Wir als die kleine Schar waren dazu aus allen Menschen erwählt. Nicht die Guten und die Mächtigen dieser Welt – nein, wir! Aus unerfindlichen gründen erachtete Gott uns mehr wert als alle anderen. Johannes, der die Apokalypse geschrieben hat, sah auf einem Berg die 144 000: ‚Und ich sah das Lamm stehen auf dem Berg Zion und mit ihm hundertvierundvierzigtausend, die hatten seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben an ihrer Stirn… Und sie sangen ein neues Lied...: und niemand konnte das Lied lernen denn die hundertvierundvierzigtausend, die erkauft sind von der Erde.’ Das waren wir. Nur wir erlernten das neue Lied in unseren wunderbaren Gottesdiensten. Nur wir würden mit dem Lamm, also mit Jesus, auf dem Berg stehen. Nur wir dürften als die Könige und Priester bald mit ihm tausend Jahre regieren.“[22] Die Erwartung, dass nicht die „Guten und die Mächtigen dieser Welt“, sondern die „kleine Schar“ der Neuapostolischen Kirche die Auserwählten Jesu seien, steht für die vorhin beschriebene Kommunikation, als ob man außerhalb der Gesellschaft stehe, für eine Kommunikation von der Peripherie ins Zentrum. Von der Peripherie der kleinen, aber auserwählten Herde ins Zentrum der Mächtigen, aber Verworfenen.

Dass die Mehrheit der Menschen verworfen ist, stand für die Neuapostolische Kirche, zumindest zum Zeitpunkt, als Siegfried Dannwolfs Buch erschien, zweifelsfrei fest (heute ist die Neuapostolischen Kirche in diesem Punkt etwas in Bewegung geraten). Ich habe ja im Zusammenhang mit der Charakterisierung von Apokalyptik als Protest ja bereits darauf hingewiesen, dass die Kommunikation sich durch den fehlenden Willen kennzeichnet, die Gegenseite zu verstehen, und komplexe Verhältnisse sozusagen plattgeschlagen werden. Das heißt konkret: Man hinterfragt nicht, ob es nicht auch außerhalb der 144.000 Zählenden Gerettete geben könnte, billigt also der Gegenseite keinerlei Heilserwartung zu, sondern praktiziert sozusagen nicht nur ein „Sich-für-besser-“, sondern auch ein „Die-anderen-für-verworfen-Halten“. Siegfried Dannwolf dazu: „Auf der anderen Seite ging von diesem Tag“ – gemeint ist der Tag der Wiederkunft Christi – „ein gewaltiges Drohpotential aus. (…) Für die Untreuen, die Müßigen, die Zweifler stand folgende Zukunft zu erwarten: ‚Und der Engel schlug an mit seiner Hippe an die erde und schnitt die Trauben der Erde und warf sie in die große Kelter des Zorns Gottes. Und die Kelter war draußen vor der Stadt getreten; und das Blut ging von der Kelter bis an die Zäume der Pferde durch tausendsechshundert Feld Wegs’ (Offenbarung 14,18-20). Das war das Szenario der ‚Bluthochzeit’ – die Alternative.“ Und Siegfried Dannwolf fügt hinzu: „Mit diesem mythischen Bild werden auch heute noch Millionen von Gläubigen in Schach gehalten.“[23]          

Die Kommunikation von außen, von der Peripherie ins Zentrum, verbunden mit der moralischen Abqualifizierung der anderen und Höherqualifizierung der eigenen Seite  hat im Falle der Neuapostolischen Kirche wie auch der Zeugen Jehovas lange – bei den Zeugen Jehovas mit Abstrichen bis heute – eine äußerst stabilisierende Wirkung gehabt. Denn es wurde ja bereits darauf hingewiesen, dass das Zentrum, das an reibungsloser und störungsfreier Kommunikation interessiert ist, auf die provokante Kommunikation seitens der Peripherie „überrascht bis verständnislos“ reagiert – was auf der Seite der Peripherie nicht etwa zu einer kritischen Reflexion der eigenen Kommunikationsformen und -inhalte, sondern zur Selbstbestätigung führt. Gerade der Widerstand des Zentrums der vermeintlich Verworfenen gegen die Peripherie der vermeintlich Gerechten und Geretteten ist Ausdruck dafür, dass die Verworfenen verworfen und die geretteten gerettet sind. Denn andernfalls ließe sich das Zentrum ja belehren und bekehren. Festzustellen ist also, dass die Kommunikation zwischen Peripherie und Zentrum für die Peripherie gerade wegen des Scheiterns der Kommunikation eine immunisierende Wirkung hat.

 



[1] Hier zitiert nach „Wort Gottes… empfangen von Bertha Dudde (CD-ROM), o.O. 2006, Botschaft B.D. Nr. 6106.

[2] Zitiert nach Christian Ruch, „Die Neuoffenbarungen Bertha Duddes aus historisch- biographischer Sicht“, in: Matthias Pöhlmann (Hg.), „‘Ich habe euch noch viel zu sagen…‘ Gottesboten – Propheten – Neuoffenbarer“ (=EZW-Text 169), Berlin 2003, 61-67, hier 65.

[3] Helmut Obst, „Neuapostolische Kirche – die exklusive Endzeitkirche?“ (=R.A.T.-Band 8), Neukirchen-Vluyn 1996, 60.

[4] Niklas Luhmann, „Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen“, Frankfurt/M. 1996, 201.

[5] Ebd., 204.

[6] Ebd., 205.

[7] Ebd.

[8] Ebd., 210.

[9] Ebd., 211.

[10] Ebd., 206.

[11] Gerhard Schulze, „Aufrütteln und abwiegeln. Wie wir uns am Unvermeidlichen abarbeiten – Anmerkungen zur laufenden Krise“, in NZZ Nr. 128, 7.6.2010, 29.

[12] Norbert Bolz und Esther Girsberger, „Die Rückkehr der Religion. Warum Glauben Hochkonjunktur hat“, Rüschlikon 2008, 21.

[13] Ebd., 20f.

[14] Max Frisch, „Montauk. Eine Erzählung“, Frankfurt/M. 1981, 12.

[15] Lutz Niethammer, „Posthistoire. Ist die Geschichte zu Ende?“, Reinbek 1989, 8.

[16] Norbert Bolz, „Das kontrollierte Chaos. Vom Humanismus zur Medienwirklichkeit“, Düsseldorf 1994, 169.

[17] Zit. ebd., 170.

[18] Niethammer (wie Anm. 15), 9.

[19] Friedrich Nietzsche, „Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen“, München o. J., 15.

[20] Zit. nach Bolz (wie Anm. 16), 175.

[21] Niklas Luhmann, „Die Religion der Gesellschaft“, Frankfurt/M. 2002, 272.

[22] Siegfried Dannwolf, „Gottes verlorene Kinder. Ein Ex-Priester der Neuapostolischen Kirche klagt an“, Gütersloh 31997, 70f.

[23] Ebd., 72.

Wo verläuft die Grenze zwischen Glaube und Magie?

Es gibt keinen Zweifel: Magie ist in. Dieser Befund mag überraschen. Denn leben wir nicht in aufgeklärten Zeiten und Gegenden, die Magie und Aberglauben weit hinter sich gelassen haben? Weit gefehlt, denn magisches Denken ist weit verbreitet. Ob im unübersichtlichen Bereich der Esoterik oder auf dem scheinbar so unverdächtigen Gebiet des „Positiven Denkens“ – überall dort, wo versucht wird, mit gewissen Ritualen oder der blossen Kraft des Geistes einen praktischen Zweck zu erreichen, ist der Verdacht auf Magie begründet. So propagiert etwa das „Positive Denken“, es sei ausschliesslich mit der Kraft guter Gedanken möglich, zu Wohlstand zu gelangen oder gesund zu werden. Und wer, um ein weiteres Beispiel zu nennen, eine Schamanin aufsucht, um mittels bestimmter Rituale den Ex-Partner zurückzugewinnen, begibt sich ebenfalls auf das Terrain der Magie. Doch wenn man den Begriff der Magie so zugebenermassen weit fasst, stellt sich die Frage, wie es eigentlich um die katholische Volksfrömmigkeit und den katholischen Glauben insgesamt steht. Sind hier nicht auch magische Vorstellungen anzutreffen? Ist die Eucharistie nicht auch ein magisches Ritual? Oder die Anrufung der heiligen Apollonia gegen Zahnschmerzen? Wo also verläuft die Grenze zwischen Magie und „gesundem“ Glauben?

Die Bibel beschäftigt sich nicht oft mit dem Thema Magie. Im Alten Testament ist es v.a. die Geschichte der „Hexe“ von Endor, in der von Magie bzw. magischem Handeln die Rede ist (1. Sam 28,3-24). Weil Saul von Gott keine Antwort erhält, wendet er sich an eine Totenbeschwörerin, die ihm den Geist des Samuel herbeiruft. Interessant ist, dass Samuel für diese Störung der Totenruhe den Saul kritisiert, nicht aber die „Hexe“, die zudem als sehr fürsorglich-mütterlich geschildert wird. Im Neuen Testament handelt Jesus magisch, als er aus einem Fischmaul eine Münze hervorzaubert (Mt 17,27), um damit die Tempelsteuer zu bezahlen. Ausserdem ist zu fragen, ob nicht auch die übrigen Wunder und Heilungen sowie die Dämonenaustreibungen magisches Handeln sind. Ansonsten lässt sich sagen, dass magisch Handelnde im Neuen Testament nur an zwei Stellen erwähnt werden: einerseits in Gestalt der Magier (magoi), die zum neugeborenen Jesuskind pilgern (siehe Mt 2), andererseits der Magier Simon Magos, der von den Aposteln die Gabe des Heiligen Geistes käuflich erwerben möchte (siehe Apg 8). In beiden Begebenheiten finden sich keine negativen Wertungen des magischen Handelns an sich, sondern im Falle des Simon nur des Umstands, dass er ein Charisma kaufen will.

Der Unterschied zwischen Simon und den Aposteln: Letztere handeln aus dem Glauben heraus, während Simon ihr Wirken als eine glaubensunabhängige, quasi von jedermann mit Geld erwerbbare Fähigkeit missversteht. Das Wirken Jesu und der Apostel steht ganz im Zeichen des angebrochenen Reiches Gottes, wie in Mk 1 und an vielen weiteren Stellen beschrieben. Daraus folgt, dass das Handeln des Glaubenden nicht auf sich selbst und die Welt ausgerichtet, sondern auf Gott hin orientiert und zentriert ist. Dies geschieht im Bewusstsein der Versöhnung mit Gott und Erlösung von Sünde und Tod. Nur wenn man davon ausgeht, dass Gott es gut meint mit den Menschen, mach Beten überhaupt erst Sinn. Magische Praktiken wie das „Positive Denken“ kommen dagegen ohne jeglichen Gottesbezug aus, und wahrscheinlich macht sie gerade das so attraktiv. Magie negiert sozusagen die Verfügungsgewalt Gottes und damit auch die Idee, dass Gott unser Gebet nicht erhören muss. Wer Gott also um etwas bittet, handelt gerade nicht magisch, weil trotz allem Bitten Gottes Souveränität, die Bitte zu erhören (oder eben auch nicht), unangetastet bleibt. Eben: „Dein Wille geschehe…“ Der magisch Handelnde will dagegen durch bestimmte Rituale erzwingen, dass sein Wille geschehe.

Um bestimmen zu können, ob ein Ritual oder auch eine Glaubenspraxis dem Bereich des Magischen zuzuordnen ist, gilt es also folgende Testfragen zu stellen: Wer ist das handelnde Subjekt – Gott oder der Mensch? Findet eine Isolierung des Handelns bzw. Glaubens aus dem Zusammenhang der Menschen als Volk Gottes und des Reiches Gottes statt? Bleibt die Souveränität Gottes unberührt? Und liegt eine reine Fixierung auf das Ergebnis vor? Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, dürfte keine grossen Schwierigkeiten mehr haben, zwischen Praktiken der Volksfrömmigkeit und purer Magie unterscheiden zu können.

  

   

 

 

 

-

Sechsstündiges Gotteslob mit Bindestrichen – Karlheinz Stockhausens Oper „Sonntag aus Licht“ uraufgeführt

  

Als der Komponist Karlheinz Stockhausen vor rund acht Jahren seinen Mega-Opernzyklus „Licht“ vollendete, wurde dies kaum zur Kenntnis genommen, obwohl seitdem ein Opus magnum vorliegt, das in der Musikgeschichte einmalig sein dürfte und beispielsweise Wagners „Ring“ zu einem kurzen Menuett schrumpfen lässt: 29 Stunden Musik, verteilt auf sieben, nach den Wochentagen benannten Teilopern, an denen der Meister ungefähr 25 Jahre lang gearbeitet hatte.

Dass die Intendanten nicht sofort danach lechzten, ihre Opern im wahrsten Sinne des Wortes zu „Licht-Spielhäusern“ zu machen, hatte mehrere Gründe: Zum einen waren die bis dahin gezeigten Opern „Donnerstag“, „Samstag“, „Montag“, „Dienstag“ und „Freitag“, die in Mailand bzw. im Falle des „Freitags“ und „Dienstags“ in Leipzig über die Bühne gegangen waren, dank Stockhausens Einfallsreichtum und Klangansprüchen äusserst aufwendige Produktionen, zum anderen bestätigten sie Kritiker in ihrem Verdacht, dass sie vor Stockhausenscher Privatmythologe und -religion nur so trieften, also für ein gewöhnliches Opernpublikum schwer verdaulich bis unzumutbar seien. Als sich der „Zeit“-Redakteur Claus Spahn einer nahezu vollständigen „Licht“-Aufführung im heimischen CD-Player hingab, fragte er sich und seine Leser hinterher: „Ist es nicht ein komisches Gefühl, an einem Gottesdienst teilzunehmen, dessen religiöse Botschaft man nicht teilt?“ „Licht“ nicht als einen solchen „Gottesdienst“ zu inszenieren, kam für niemanden in Frage, da eine Aufführung ohne Einfluss und Mitwirkung des Komponisten schlichtweg nicht denkbar war. Doch am 5. Dezember 2007 starb Karlheinz Stockhausen und die grosse Lücke, die sein Tod in der Musiklandschaft der Gegenwart hinterliess, machte es nun ebenso möglich wie reizvoll, diesen Komponisten (neu) zu entdecken. Plötzlich wurden Projekte möglich, die man kurze Zeit zuvor noch für unrealisierbar gehalten hätte, so etwa eine Gesamtaufführung von „Klang – Die 24 Stunden des Tages“, ein unvollendet gebliebener Zyklus, der nach „Licht“ entstand und letztes Jahr in Köln an mehreren Spielstätten inszeniert wurde. Ebenfalls in Köln wagte man sich nun an den ganz grossen Wurf und brachte den angeblich unaufführbaren „Sonntag aus Licht“ auf die Bühne. Dass sich jedoch die Schwierigkeiten eines solchen Projekts mit Stockhausens Tod nicht einfach in Luft aufgelöst hatten, zeigte das Gerangel Kölner Politiker um einen städtischen Zuschuss in Höhe von 450 000 Euro, und das ganze Vorhaben hing wohl mehr als einmal am seidenen Faden.

Doch die Mutigen in der Kölner Kultur und Politik können sich bestätigt fühlen, denn die Aufführungen waren nicht nur ausverkauft, sondern veranlassten die Medien zu geradezu euphorischen Lobeshymnen. „Die Welt feiert Kölns Stockhausen-Spektakel“, titelte beispielsweise der Kölner „Express“, und die „Frankfurter Rundschau“ schrieb: „‘Sonntag aus Licht‘ in Köln – das ist ein Erlebnis. Eins, und das ist ganz ernst gemeint, das man sich – wie Oberammergau – alle zehn Jahre gönnen kann. Es ist auch für den Nichtgläubigen erbaulich und schärft die Sinne für das, was es sonst noch so gibt: an Musik und Welt und Utopie.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ sprach von einem „Opernerlebnis, das in jeder Hinsicht neue Dimensionen eröffnet“, und selbst die ARD-„Tagesthemen“ und die „Washington Post“ widmeten sich dem Kölner „Stockhausen-Wahnsinn“, so nochmals der „Express“ in durchaus anerkennender Weise.

Sicherlich war es nicht zuletzt die äusserst kreative und gelungene Inszenierung des sechsstündigen Sonntags-Marathons, die begeisterte. Es gab phantastische visuelle Effekte, für die eigens 3-D-Brillen verteilt wurden, die ersten beiden Teile konnte man bequem in einem Liegestuhl geniessen, in einer Szene gab es wunderbare Weihrauchdüfte und faszinierenden Feuerzauber zu erleben und am Schluss hiess es, durch das Geschehen sozusagen hindurchzuwandeln. Endlich einmal wurde dem Publikum mehr zugemutet als ein stundenlanges Stillsitzen- und Zuhörenmüssen und das Starren auf eine Guckkastenbühne. Stockhausen hätte diese fast interaktive, zweifellos aber zukunftsweisende Form einer Operninszenierung bestimmt sehr gefallen.

Dass seine Lebensgefährtin und Assistentin Kathinka Pasveer ihren Aufgabenbereich auf die Sicherung der musikalischen Qualität im Sinne des Meisters beschränkte, ermöglichte es dem katalanischen Ensemble La Fura dels Baus unter Leitung von Carlus Padrissa seine ganz eigenen Vorstellungen einer Umsetzung des „Sonntags“ zu verwirklichen. Dass die Intentionen Stockhausens trotzdem gewahrt wurden, garantierte der aus Berlin stammende Dramaturg und Stockhausen-Experte Thomas Ulrich, übrigens ein pensionierter evangelischer Pfarrer. Somit ergab sich eine geglückte Balance aus Werktreue und bisweilen fast ironischer Distanz. Als zum Beispiel die Namen katholischer Heiliger zu hören waren, wurden nicht etwa deren Portraits auf die Leinwand projiziert, sondern schwebende Buddha-Figuren.

Trotzdem konnte und wollte die Inszenierung natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der „Sonntag“ ohne Stockhausens Weltanschauung nicht zu haben ist. Die sechs, allesamt mit Bindestrich-Titeln versehenen Teile der Oper – „Lichter-Wasser“, „Engel-Prozessionen“, „Licht-Bilder“, „Düfte-Zeichen“, „Hoch-Zeiten“ und „Sonntags-Abschied“ – verstehen sich als Gotteslob in einem zwar durchaus katholischen, aber gleichzeitig weit über einzelne Religionen und Konfessionen hinausweisenden Sinne. Stockhausens Werk und Weltbild wurden Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre zu einem Tummelplatz verschiedenster spiritueller Traditionen wie rheinischem Katholizismus, den Lehren Sri Aurobindos und Hazrat Inayat Khans, den Offenbarungen Jakob Lorbers und des „Urantia“-Buchs sowie esoterischer Richtungen wie der Astrologie und Theosophie.

Davon zeugt auch der „Sonntag“, und einmal mehr reagierte die Kritik darauf trotz allem Lob indigniert. „Dieses sonderbare kultische Weihefestspiel“ – gemeint ist vor allem die weihrauchreiche Szene „Düfte-Zeichen“ – „befremdet zweifellos“, meinte die „Neue Zürcher Zeitung“. Das alles erinnere „an Eurythmie-Abende im Gemeindezentrum (…) oder ans bubenhafte Nachspielen von Szenen aus ‚Star Wars‘“, schrieb das Konkurrenzblatt Zürcher „Tages-Anzeiger“. „Und der Abstand ist einfach zu groß zwischen den Beschwörungsritualen in erdenfernen Sphären und der realen Menschenwelt hier unten, als dass man sich als Hörer dazu in Beziehung setzen könnte. Es sei denn, man ist Stockhausen-Jünger und glaubt von Herzen an die frohen Botschaften“, so die „Zeit“.

Sicherlich: Stockhausens Weltanschauung ist nicht so eindeutig wie der triumphalistische Katholizismus eines Olivier Messiaen oder die klassenkämpferische Kunst eines Luigi Nono, doch gerade das verschafft Stockhausens Ideologie bzw. Theologie eine großzügige Weite, wie auch die „Zeit“ zugeben musste: „Es gibt so viel Musik von Gegenwartskomponisten, die ihre Hörer grimmig am Kragen packt und ungeduldig auf sie einredet. Stockhausen hingegen verweist mit der entspannten Geste des kompositorischen Großgrundbesitzers auf seine prachtvollen Ländereien bis zum Horizont: Lustwandelt in meinem Reich!“ Das Publikum lustwandelt offenbar gern, der abgedroschene Vorwurf, Stockhausen huldige (s)einer Privatreligion, trifft nämlich entweder viele oder keinen. Denn in einer Zeit, in der eine Pfarrerin der Zürcher Landeskirche mit deren Wissen und Billigung auch Schamanin sein darf, mehr als ein Drittel der Kirchgänger beider Konfessionen an Reinkarnation glaubt und Esoterik das Programm vieler kirchlicher Bildungshäuser bestimmt, ist nicht einzusehen, warum ein Komponist nicht eine katholische Heiligenverehrung zusammen mit dem Raunen von der kosmischen Luzifer-Rebellion aus dem „Urantia“-Buch in 29 Stunden Musik packen darf. Stockhausens Religiosität ist so komplex und polyphon wie seine Klänge, aber gerade das macht sie zu einem Spiegelbild für die Religiosität unserer Zeit. Leider haben das viele Damen und Herren des Feuilletons immer noch nicht begriffen, und so stören sie sich an etwas, was für viele Opernbesucher längst eigene Glaubenspraxis und daher alles andere als störend sein dürfte. Wer weiss: Vielleicht hat Stockhausen ja nicht nur angedeutet, wie die Musik der Zukunft klingt, sondern auch, wie die Religiosität der Zukunft aussieht, mag einem das als katechetisch gefestigtem Christenmenschen auch noch so sehr Schauer über den Rücken jagen. Doch selbst dann ist man nicht berechtigt, an Stockhausens tiefer persönlicher Frömmigkeit zu zweifeln, die trotz allem Synkretismus bisweilen viel katholischer war als die vieler Katholiken.

Bleibt zu hoffen, dass der Erfolg des Kölner „Sonntags“ nun mutige Intendanten dazu ermuntert, sich irgendwann auch an den „Mittwoch“ und damit an den letzten noch nicht gezeigten „Licht“-Teil zu wagen – inklusive eines in vier Helikopter verfrachteten Streichquartetts, eines tanzenden Kamels und der zu den Klängen eines Gottesdienstes im venezianischen Markus-Dom musizierenden „Orchester-Finalisten“. Wie schrieb die „Zeit“ so schön? Das „wollen wir natürlich auch noch erleben.“   

 

 

Nicht ökumenefähig: das Kirchenverständnis der NAK

Die Neuapostolische Kirche (NAK) hat in einer Sonderausgabe der „Leitgedanken zum Gottesdienst“, einem Mitteilungsblatt für die Amtsträger der Kirche, im Februar 2011 eine Stellungnahme mit dem Titel „Die Kirche Jesu Christi“ veröffentlicht. Offenbar nehmen sie das vorweg, was man auch im für 2012 angekündigten neuen Katechismus der NAK zu lesen bekommen wird.

Wie sind diese Aussagen aus ökumenischer Perspektive zu bewerten? Zunächst einmal ist festzuhalten, dass der Text eigentlich ganz harmlos beginnt. Der Glaubensüberzeugung „Jesus Christus hat seine Kirche gestiftet, um dem Menschen zu seinem Heil die Gemeinschaft mit sich, dem Vater und dem Heiligen Geist zu schenken“ (S. 2 der „Leitgedanken“) wird man als Christ/in einer anderen Kirche gern zustimmen. Dies gilt auch für die übrigen Aussagen dieses ersten Abschnitts.

Bezug nehmend auf das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel und übrigens auch die neuen Glaubensgrundsätze wird anschließend definiert, was unter der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche zu verstehen ist, der sich auch die NAK zugehörig fühlt. Was zu den ersten drei Attributen ausgeführt wird, ist wiederum relativ unproblematisch und damit wohl auch in einem ökumenischen Gespräch anschluss- und konsensfähig – was zum Begriff „apostolisch“ ausgeführt wird, ist aus einer Perspektive jenseits der NAK dafür umso fragwürdiger. Es heißt, die Kirche sei apostolisch „in zweierlei Hinsicht: In ihr wird apostolische Lehre verkündigt und in ihr wirkt das apostolische Amt. Die apostolische Lehre ist die unverfälschte Botschaft von Tod, Auferstehung und Wiederkunft Christi. Das apostolische Amt ist das von Christus gegebene und vom Heiligen Geist gelenkte Apostelamt mit seinen Vollmachten. Die Apostolizität der Kirche besteht also darin, dass sie die Verkündigung der apostolischen Lehre fortsetzt und darin, dass sich das Apostelamt in gegenwärtig wirkenden Aposteln geschichtlich verwirklicht“ (S 3f.) Diese Formulierung entspricht praktisch wortwörtlich den Erläuterungen zu den unlängst veröffentlichten neuen Glaubensgrundsätzen, und so kann man nur wiederholen, dass hier von einem völlig anderen Verständnis von Apostolizität als etwa in der römisch-katholischen Kirche ausgegangen wird. Zwar versteht auch sie sich als „apostolisch“, kennt jedoch keinerlei „gegenwärtig wirkenden Apostel“, in denen sich „das Apostelamt (…) geschichtlich“ verwirklichen würde. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es: „Die Apostel ‚übertrugen, damit die ihnen anvertraute Sendung nach ihrem Tod fortgesetzt werde, ihren unmittelbaren Mitarbeitern gleichsam nach Art eines Testamentes die Aufgabe, das von ihnen begonnene Werk zu vollenden und zu festigen, wobei sie ihnen ans Herz legten, auf die gesamte Herde achtzuhaben, in die sie der Heilige Geist hineinstellte, die Kirche Gottes zu weiden. Daher setzten sie derartige Männer ein und gaben dann die Anordnung, dass nach ihrem Hingang andere bewährte Männer ihren Dienst aufnähmen’ (LG 20). (…) ‚Wie aber das Amt fortdauert, das vom Herrn in einzigartiger Weise Petrus, dem ersten der Apostel, gewährt wurde und seinen Nachfolgern übertragen werden sollte, so dauert auch das Amt der Apostel, die Kirche zu weiden, fort, das von der geheiligten Ordnung der Bischöfe immerwährend ausgeübt werden muss.’ Darum lehrt die Kirche, ‚dass die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel nachgerückt sind, gleichsam als Hirten der Kirche; wer sie hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus und den, der Christus gesandt hat’ (LG 20).“[1] Der evangelische Theologe Reinhard Hempelmann hat völlig zu Recht darauf hingewiesen, „dass die Apostolizität der Kirche ihre Kennzeichen“ eben gerade „nicht in der Etablierung eines besonderen Apostelamtes hat“, und dies gilt für „alle ökumenisch verbundenen Kirchen“.[2] Fazit: Am fundamentalen Unterschied, was die Träger und den Charakter des apostolischen Amts betrifft, hat sich nichts geändert. Denn während die NAK weiterhin von „gegenwärtig wirkenden Aposteln“ ausgeht, sind nach römisch-katholischer Auffassung „die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel nachgerückt“, die das Amt quasi testamentarisch verwalten und ausführen. Daraus folgt, dass ein römisch-katholischer Christ unter einer apostolischen Kirche etwas völlig anderes versteht – verstehen muss – als die NAK. Auf diesen Punkt hinzuweisen ist sehr wichtig. Denn es gab nach meiner sicher sehr subjektiven Beobachtung auf NAK-Seite eine Weile die Tendenz (man könnte das auch Taktik nennen), durch die Verwendung derselben Begriffe vor allem im Dialog mit Katholiken einen Konsens zu postulieren, den es aufgrund unterschiedlicher Definitionen des Begriffs – wie eben z.B. „apostolisch“ – gar nicht gibt.       

Die Merkmale der apostolischen Kirche, wie sie die NAK versteht, treffen so natürlich nur auf sie selbst zu und verleihen ihr damit den Status der Exklusivität. Allerdings gerät sie damit in Widerspruch zur Definition von Kirche als die eine, heilige und allgemeine Gemeinschaft aller gläubigen Getauften. Diesem Widerspruch, der offenbar auch den NAK-Ideologen und -Theologen aufgefallen ist, versucht man nun zu entkommen, in dem die Kirche in der Wahrnehmung verdoppelt wird: als eine „verborgene“ und eine „offenbare“ Kirche. „Zur verborgenen Kirche Jesu Christi zählen all jene Menschen, die im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft sind, an Jesus Christus glauben und ihn bekennen. Ebenso gehören ihr die Gläubigen aus dem Alten Bund an (vgl. Hebr 11; Lk 13,28.29). Insofern weiß nur Gott, welche Menschen zur verborgenen Kirche zählen“ (S. 4). Sprich: Zur verborgenen Kirche zählen durchaus auch Christen anderer Kirchen. Man gesteht diesen anderen Kirchen sogar noch zu, dass in ihnen, „wenn auch in unterschiedlichem Maß“, die eine Kirche Christi „sichtbar oder offenbar“ werde (ebd.). Darauf folgt jedoch sogleich das große Aber: „In ihrer geschichtlichen Verwirklichung – also in ihrer Sichtbarkeit – wird die Kirche Jesu Christi insgesamt dem Gebot der Einheit, Heiligkeit, Allgemeinheit und Apostolizität nicht gerecht. Dies ist nicht zuletzt darin begründet, dass das Apostelamt über lange Zeit keine und seit dem 19. Jahrhundert nur in einem kleinen Teil der Kirche Christi Wirksamkeit entfalten konnte“ (S. 4f.). Kirchengeschichtlich ist das eigentlich ziemlich starker Tobak. Denn aus einer geschichtswissenschaftlichen bzw. kirchengeschichtlichen Perspektive ist es ziemlich hanebüchener Unfug, die diversen Irrwege der Kirche(n) quasi monokausal auf das Fehlen eines Apostelamts zurückzuführen. Zumal es bei allen Verfehlungen auf kirchlicher Seite immer wieder Menschen gab, durch die der Heilige Geist segensreich wirken konnte. Solch ein ahistorischer Monismus führt also zu nichts, zumal auch die apostolischen Gemeinschaften ja nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern auch sie Teil einer Tradition sind.      

Offensichtlich haben der oder die Verfasser des Textes gerade noch gemerkt, dass man so wohl kaum ernsthaft argumentieren kann. Denn wer den Text weiter liest, erfährt: „Die Vielheit christlicher Kirchen ist bedingt durch kulturelle, soziale und geschichtliche Unterschiede sowie durch verschiedene menschliche Interpretationen des einen Evangeliums, der einen Heiligen Schrift. In diesen Kirchen wird im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes mit Wasser getauft und das Evangelium von Tod, Auferstehung und Wiederkunft gepredigt. Der offenbare oder sichtbare Aspekt von Kirche Jesu Christi hat Anteil an der allgemeinen Menschheitsgeschichte; insofern gibt es hier auch Irrtümer, Verfehlungen und Mängel“ (S. 5).

Unter all diesen mangelhaften Kirchen gibt es aber gemäß NAK wenigstens eine, die quasi heraus- und damit auch alle anderen weit überragt: nämlich sie, die NAK selbst. Denn „trotz dieser Unterschiedlichkeiten und Unzulänglichkeiten bleibt die Kirche Jesu Christi nicht in der Verborgenheit und Unzugänglichkeit. Am deutlichsten ist die Kirche Jesu Christi dort wahrnehmbar, wo das Apostelamt, die Spendung der drei Sakramente an Lebende und Tote sowie die rechte Wortverkündigung vorhanden sind. Dort ist das Werk Gottes aufgerichtet, in dem die Braut Christi für die Hochzeit im Himmel bereitet wird. (…) Die Kirche bedarf, um ihrer Aufgabe in allen Aspekten gerecht zu werden, des Apostelamtes. Wo das Apostelamt in der Einheit mit dem Stammapostel, der den Petrusdienst versieht, vorhanden ist, gibt es das geistliche Amt und die rechte Verwaltung der drei Sakramente. In der apostellosen Zeit wirkte das geistliche Amt nicht, doch gab es verschiedene Dienste, die für die Predigt des Evangeliums und die Ordnung in der Gemeinde sorgten. Da das von Jesus Christus eingesetzte bevollmächtigte Amt personal nicht mehr besetzt war, konnten auch nicht alle Sakramente gespendet werden. Die Heilige Wassertaufe, die die Grundlage des Christseins bildet, konnte auch ohne bevollmächtigtes Amt gespendet werden, denn sie ist der Kirche als ganzer anvertraut. Die Heilige Versiegelung, die sakramentale Vermittlung der Gabe des Heiligen Geistes, war während dieser Zeit nicht möglich, denn dem Apostelamt ist nach biblischem Zeugnis die Aufgabe vorbehalten, die Gabe des Heiligen Geistes zu spenden (vgl. Apg 8,14–17). Das Heilige Abendmahl wurde nur noch als Gedächtnis-, Gemeinschafts- und Dankesmahl gefeiert, während die wahrhafte Gegenwart von Leib und Blut Jesu nicht mehr zustande kam. Durch die Wiederbesetzung des Apostelamtes wurden diese Mängel behoben“ (S. 5f.)

Diese Zeilen seien deshalb so ausführlich zitiert, weil sie implizit im (Un-)Geist einer ziemlich ausgeprägten Hybris andere Kirchen als mangelhaft abqualifizieren. Der römisch-katholischen Kirche gegenüber ist vor allem die Aussage über das Abendmahl eine ziemliche Unverfrorenheit, denn wer legitimiert eigentlich die NAK dazu, in offenbarer Leugnung und/oder Unkenntnis des römisch-katholischen Eucharistieverständnisses zu behaupten, dass „die wahrhafte Gegenwart von Leib und Blut Jesu nicht mehr zustande kam“? Und man täusche sich nicht: Der NAK geht es selbstverständlich nicht nur darum, früheres kirchliches Handeln als mangelhaft zu denunzieren, sondern auch das, was sich heute in anderen Kirchen anspielt, indem das Apostelamt einmal mehr zur conditio sine qua non für die Verwirklichung des „geistlichen Amts und die rechte Verwaltung der drei Sakramente“ erklärt wird, so dass man nur zum Schluss gelangen kann, dass sich die Ekklesiologie der NAK weiterhin durch Exklusivität auszeichnet.  

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich bei den Richtungskämpfen innerhalb der NAK der konservative Flügel durchgesetzt hat. Die Abfassung der Leitlinien zeugen wie auch schon die neuen Glaubensgrundsätze davon in überdeutlicher Weise. Diesem – offenbar tonangebenden – Teil der NAK scheint es auch egal zu sein, wenn damit der ohnehin schon sehr dünne Gesprächsfaden zu den anderen Kirchen endgültig reißt. Dazu passt übrigens auch, dass die NAK in völliger Unbekümmertheit bereits vier Kirchengebäude an die Pius-Bruderschaft verkauft hat und damit doch ziemlich deutlich zum Ausdruck gebracht hat, dass sie sich um die Empfindlichkeiten der römischen-katholischen Gesprächspartner im Grunde – mit Verlaub – einen Dreck schert. Mein Verdacht: Wahrscheinlich ist es den auf Bewahrung bedachten Kräften sogar ganz recht, wenn die Tür endlich zugeschlagen wird und kein ökumenischer Geist mehr ins Kircheninnere dringen und die Gläubigen in Versuchung führen kann. Das ist bedauerlich für jene Teile der neuapostolischen Basis, die Reformen und eine ökumenische Öffnung wirklich wollen. Ihnen bleibt wohl nichts anderes, als den Aufstand zu proben oder die Kirche zu verlassen. Auf Seite der ACK wird sich dagegen jetzt hoffentlich die Erkenntnis durchsetzen, dass die NAK in ihrer jetzigen ideologischen Verfasstheit, d.h.  Verengung auf ihr exklusives Apostolizitätsverständnis nicht ökumenefähig ist. Denn ein Kirchenverständnis hat „erst dort eine zukunftsweisende ökumenische Ausrichtung“, wenn die „drei Fixpunkte der kirchlichen Apostolizität“ – nämlich die Heilige Schrift, die Tradition und das Bischofsamt – „in eine wechselseitige Bestimmung gebracht“ und damit mehrere Institutionen der Apostolizität anerkannt werden, wie es der katholische Theologe Siegfried Wiedenhofer formuliert hat.[3]

Man kann, ja man darf und soll im Gespräch mit der NAK bleiben. Dies schon im Interesse der reformorientierten Kräfte innerhalb der Kirche. Eine Gastmitgliedschaft der NAK innerhalb der Bundes-ACK ist aber nach dieser ebenso eindeutigen wie bedauerlichen Positionierung weiter entfernt denn je. Und wenn ich ehrlich bin: Etwas anderes habe ich nach den Verlautbarungen der letzten Zeit auch nicht erwartet. Sie bestätigen lediglich meine Befürchtungen. Aber das ist ja auch eine Erkenntnis.   



[1] „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK), München 2005, 861f. Die Abkürzung „LG“ steht für „Lumen gentium“, eines der wichtigsten Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils.

[2] Reinhard Hempelmann, „Wie ökumenefähig ist die Neuapostolische Kirche?“, in MD 1/2010, 5-10, hier 6.

[3] Theodor Schneider (Hg.), „Handbuch der Dogmatik“, Bd. 2, Düsseldorf  22002, 133.

Wiki und die starken Hacker

Das Internet bringt es mit sich, dass man dauernd neue Wörter lernt. Wer von uns hätte vor einigen Jahren schon gewusst, was ein «Blog» ist? Oder was man sich unter «skypen» vorstellen muss. Wir «twittern» unsere «Tweeds», abonnieren «RSS-Feeds» und machen auch sonst noch vieles, von dem wir bis vor kurzem keine Ahnung hatten. Und im Übrigen auch nicht wussten, dass wir es wirklich brauchen. Aber so ist er halt nun mal, der Fortschritt.
Die neusten Errungenschaften haben die Vorsilbe Wiki. Es begann mit Wikipedia, einem von Fachleuten und Wissenschaftlern zuerst mit Naserümpfen beargwöhnten Mega-Lexikon im Internet, an dem jeder mitschreiben kann. Doch mittlerweile müssen auch die einstigen Verächter zugeben, dass die meisten Einträge in diesem digitalen Nachschlagewerk gar nicht so schlecht sind. Aber warum heisst das eigentlich Wikipedia? «Wiki» kommt aus dem Hawaiianischen und heisst schnell. Wiki-Webseiten können nicht nur gelesen, sondern von den Benutzern eben auch schnell – daher der Name – geändert und mit neuen Informationen bestückt werden.
Wikipedia war bis jetzt sozusagen der Star unter den Wiki-Seiten. Doch ihr Ruhm verblasst
zusehends, sind es jetzt doch inzwischen die berühmt-berüchtigten Wikileaks, die im Rampenlicht stehen. Jene Seiten, auf denen sich geheime Berichte und Nachrichten finden. Gross ist die Aufregung darüber, dass die Amerikaner Angela Merkel für teflonbeschichtet halten. Und die Schweizer für seltsam. Was eigentlich gar nicht so überraschend ist. Überraschend und peinlich ist eher, in welchem Ton die Amerikaner über ihre sogenannten Freunde und Verbündeten herziehen.
Ansonsten ist die Geschichte rund um Wikileaks aufregender als der Inhalt der geheimen Botschaften. Was treibt diesen Australier mit dem seltsamen Namen Julian Assange dazu,
dauernd die USA vorzuführen? Und welche Rolle spielen dabei die geplatzten Kondome eines Techtelmechtels von Herrn Assange mit irgendwelchen Schwedinnen, das irgendwie erst einvernehmlich war und dann doch eine Vergewaltigung? Mit Schwedinnen, von denen die eine wohlgemerkt gleichzeitig CIAAgentin, lesbisch, Muslim-Geliebte und christliche Fundamentalistin sein soll, wie aus dem «Blick» zu erfahren war. Die Welt – das zeigt diese ganze Wikileaks-Affäre – ist sehr unübersichtlich geworden und irgendwie ist nichts mehr so, wie es scheint.
Da lobe ich mir die guten alten Siebzigerjahre. Damals verband man mit dem Wort Wiki noch nicht mysteriöse Internet-Plattformen, sondern einen kleinen Wikinger-Jungen aus Flake, denn jeden Donnerstagnachmittag flimmerte im ZDF die Zeichentrickserie «Wickie und die starken Männer» über den Bildschirm. Zugegeben, der Knabe schrieb sich ein wenig anders, nämlich Wickie statt Wiki, er war mir aber trotzdem immer sympathisch. Ich litt mit ihm, seinem Vater Halvar, dem kleinen Snorre und dem dicken Faxe immer richtig mit, wenn sie in fernen Ländern gefährliche Abenteuer bestehen mussten. Oder sich vor dem Schrecklichen Sven fürchteten. Zum Glück fiel dem schlauen Wickie, wenn er sich die Nase rieb, immer rechtzeitig etwas ein, um alles doch noch zu einem guten Ende zu bringen. Wobei – wenn ich ehrlich bin – so ganz übersichtlich war auch die Wickie-Welt nicht. Ich habe nämlich lange geglaubt, Wickie sei ein Mädchen, und ich war, wie ich inzwischen weiss, nicht das einzige Kind, dem das so ging. Heute weiss ich es natürlich besser.
Die Wikinger segelten bekanntlich über die Meere, um ganze Landstriche zu plündern und mit reicher Beute heimzukehren. Die Wikileaks-Wikinger kreuzen dagegen auf dem virtuellen Ozean des Internets und machen reiche Datenbeute. Doch ist im Gegensatz zu «Wickie und die starken Männer» nicht ganz so eindeutig, ob das nun gute oder böse Wikinger sind – ist Julian Assange ein pfiffiger Wickie oder doch eher ein Schrecklicher Sven?
Man könnte es eigentlich ganz leicht testen: Wenn ihm jetzt durchs Reiben seiner Nase ein genialer Trick einfallen würde, um sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, wäre er
ganz klar ein würdiger Wickie-Nachfolger. Sozusagen ein Wikileaks-Wickie. Dann könnte man ja sogar den Siebzigerjahre-Wickie in die Mottenkiste des Filmarchivs verbannen und stattdessen eine neue, etwas zeitgemässere Serie zeigen: «Wiki und die starken Hacker». Mit Julian Assange in der Hauptrolle. Zumindest so blond wie ein Wikinger ist er ja.

„Alles Leben ist Yoga“ – was bleibt von Sri Aurobindo?

Am 5. Dezember jährt sich der Todestag des indischen Philosophen und Gurus Sri Aurobindo (geb. 1872) zum 60. Mal. Angesichts der Schnelllebigkeit der spirituellen Szene ist das fast eine Ewigkeit, und so stellt sich die Frage, was von seinem Werk und Denken eigentlich bleibt. Sie stellt sich umso mehr, als der scheinbar sichtbarste Ausdruck seiner Philosophie, die 1968 Stadt gewordene Utopie Auroville in Südindien weit hinter dem zurückgeblieben ist, was ihr einst zugedacht war. Statt einer Großstadt entstand ein Siedlungskonglomerat, das bei nüchterner Betrachtung ziemlich zu stagnieren scheint. Statt der einst erwarteten 50 000 Bewohner leben derzeit nur etwas mehr als 2000 Menschen in Auroville, das manchen Beobachtern wie etwa der Schriftstellerin Ulla Lenze[1] bereits als Ausdruck von „kraftlos gewordenen Utopien“ erscheint.[2] Immerhin wird Auroville weiterhin von der Unesco unterstützt und seit 1988 auch von der indischen Regierung gefördert.[3]

Dabei darf nicht übersehen werden, dass Auroville ein Projekt war, das erst viele Jahre nach Sri Aurobindos Tod von seiner immer nur „Die Mutter“ genannten spirituellen Gefährtin Mira Richard, geb. Alfassa (geb. 1878) vorangetrieben und schließlich realisiert wurde. Sie überlebte Sri Aurobindo um immerhin fast 23 Jahre. Es wäre einmal interessant zu untersuchen, ob Auroville dem Denken und der Intention Sri Aurobindos überhaupt entspricht. Angeblich soll die Idee noch zu seinen Lebzeiten entstanden sein[4], doch sicher ist das nicht. Die immer wieder, auch von Sri Aurobindo selbst, postulierte Einheit zwischen ihm und der „Mutter“ dürfte diese Frage im Kreis der Anhänger jedenfalls ziemlich müßig erscheinen lassen.

Wer nach einer heute noch greifbaren Wirkung Sri Aurobindos sucht, muss entscheiden, welcher Aspekt seiner vielschichtigen Persönlichkeit betrachtet werden soll: der des Politikers, des Philosophen und Yogis oder des Dichters. Als Politiker scheint Sri Aurobindo, der sich zwischen 1893 und 1910 äußerst aktiv in der indischen Unabhängigkeitsbewegung engagierte, bis heute im Schatten Gandhis zu stehen. Dies auch deshalb, weil Gandhis „ahimsa“, der Weg absoluter Gewaltlosigkeit, zum Mythos wurde und beispielsweise vom Dalai Lama nach wie vor als taugliches politisches Konzept betrachtet wird. Sri Aurobindo hat das Ideal des bedingungslosen „ahimsa“ stets abgelehnt, und dies nicht nur im Kampf gegen die britische Kolonialmacht, sondern als politische Maxime generell. Besonders deutlich wird dies in seinen Analysen und Kommentaren zur Situation im nationalsozialistischen Deutschland und während des Zweiten Weltkriegs.[5] In seiner politisch aktiven Zeit zeigte Sri Aurobindo wenig Berührungsängste zu radikalen Formen des Widerstands, so dass er nicht umsonst immer wieder in Konflikt mit den britischen Kolonialbehörden geriet und schließlich 1910 in die französische Kolonie Pondicherry an der indischen Ostküste auswich, wo er vor Verfolgung weitgehend sicher sein konnte, aber trotzdem – sehr zum Leidwesen seiner Anhänger – allen politischen Aktivitäten entsagte, um sich stattdessen bis zum Lebensende seinem spirituellen Pfad zu widmen, den er als „integralen Yoga“ bezeichnete.

Allerdings sollte man sich hüten, beide Bereiche scharf voneinander getrennt zu betrachten, denn für Sri Aurobindo war auch politisches Handeln eine Form des Yoga. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass er seine wichtigsten Yoga-Erfahrungen machte, als er in einer Gefängniszelle der Engländer saß. Überhaupt zeichnet sich der „integrale Yoga“ nicht durch eine lebensferne Weltabgewandtheit aus, sondern versucht, ähnlich wie der Zen, Spiritualität auch in der Profanität des Alltags zu verwirklichen. „Alles Leben ist Yoga“[6], lautete Sri Aurobindos Maxime. Insofern entspricht es wohl schon Sri Aurobindos Anliegen, wenn in Auroville bis heute versucht wird, eine Art Yoga des Alltäglichen zu praktizieren. Der „integrale Yoga“ verzichtet sogar auf spezielle Anleitungen zur spirituellen Praxis wie etwa konkrete Meditationsanleitungen.

Gerade das Beispiel Auroville zeigt jedoch auch sehr schön, wie der „integrale Yoga“ vor dem Problem steht, dass er die Aufhebung der Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz schon aufgrund der anthropologischen und gesellschaftlichen Prämissen und Konstanten nur sehr bedingt zu gewährleisten vermag. Und so ist es kein Zufall, dass gerade im Werk Sri Aurobindos sehr oft eine auffällige Diskrepanz zwischen Anspruch und Lebenswirklichkeit zutage tritt. Dies liegt vor allem daran, dass Sri Aurobindo der Evolution des Menschen ein Potenzial zutraute, bei dem man sich im Abstand von 60 Jahren fragen muss, ob es jemals realistisch gewesen ist. Sri Aurobindos Erwartung einer Herabkunft der „Supramental“ genannten, ungeahnten Weisheit und Schöpferkraft und sein Glaube an eine Menschheit, die im Zuge dieser Herabkunft und der Evolution generell ungeahnte und geradezu übermenschliche  Bewusstseinsebenen erreichen könne, scheint angesichts des doch weitgehend lamentablen Zustands der Weltbevölkerung zumindest bisher doch eine ziemliche Illusion zu sein. Mit seinem deutschen Bewunderer Karlheinz Stockhausen, der Sri Aurobindo Ende der sechziger Jahre für sich entdeckte, scheint Sri Aurobindo das Schicksal zu teilen, dass das hohe Niveau des Werks und der daraus resultierende Anspruch selbst jene schnell überfordert, die zu folgen durchaus bereit wären. Die Popularität eines Osho alias Bhagwan Shree Rajneesh oder auch eines Dalai Lama, die im Gegensatz zu Sri Aurobindo nie vor Plattitüden zurückgeschreckt sind, lag weder für den Meister des „integralen Yoga“ noch für „die Mutter“ jemals im Bereich einer realistischen Erreichbarkeit, was die Zahl der Anhänger immer vergleichsweise bescheiden bleiben ließ.   

So basiert die Dankbarkeit und Wertschätzung, die Inder Sri Aurobindo bis heute erweisen, vor allem auf dem Verdienst, Wegbereiter der indischen Unabhängigkeit gewesen zu sein. Rabindranath Tagore, Indiens großer Dichter, schrieb schon 1907: „Rabindranath, O Aurobindo, bows to thee! O friend, my country's friend, O Voice incarnate, free, Of India's soul....The fiery messenger that with the lamp of God Hath come”.[7]  Das mag sehr pathetisch klingen. Doch wer heute Sri Aurobindos Kommentare zur politischen Situation auf dem indischen Subkontinent liest, stellt fest, dass er die Sprengkraft der Teilung in ein mehrheitlich hinduistisches Indien und mehrheitlich islamisches Pakistan bzw. Bangladesh sowie die Konflikte zwischen Moslems und Hindus generell mit einer so faszinierenden Klarheit erkannt hat, das seine Schriften zu diesem Thema weiterhin und derzeit erst recht hochaktuell sind. Dem Islam stand er dabei äußerst kritisch gegenüber: „You can live amicably with a religion whose principle is toleration“, äußerte er 1923 im Gespräch mit seinen Schülern. „But how is it possible to to live peacefully with a religion (gemeint ist der Islam, C.R.) whose principle is ‘I will not tolerate you’?”[8]

Ebenso erstaunlich ist die Prägnanz, mit der er das Potenzial Indiens zu einer Weltmacht vorhergesehen hat: „India has the greatest chance because of her past and because the spiritual force is accumulated here“.[9] Als Indien schließlich 1947 seine Unabhängigkeit erlangte, erklärte Sri Aurobindo, „dass in die Gemeinschaft der Nationen eine neue Kraft mit unermesslichen Möglichkeiten eintritt, die eine große Rolle zu spielen hat bei der Bestimmung der politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und spirituellen Zukunft der Menschheit“, denn Indien sei dazu bestimmt, „als Helfer und Lenker der ganzen menschlichen Rasse auch für Gott und die Welt zu leben.“[10] In dieser Rolle sah Sri Aurobindo Indien übrigens schon deshalb, weil er im Abendland so etwas wie eine Art spirituelle Schwindsucht wahrnahm. Als Kind vom völlig anglisierten Vater zur Erziehung nach England geschickt, hatte Sri Aurobindo dort den Eindruck gewonnen, dass die Form des dort praktizierten Christentums jeglicher spirituellen Kraft entbehre, was der junge indische Nationalist als Symptom für den Abstieg des Westens interpretierte. Bereits 1910 attestierte er Europa, auf allen Gebieten mit Ausnahme der Wissenschaft, also nota bene auch im religiösen Bereich, „bankrott“ zu sein.[11] Vielleicht macht ja auch das Sri Aurobindo überraschend aktuell.

Die zaghafte Renaissance seines Werks, die momentan zu beobachten ist, dürfte jedoch andere Gründe haben. Die Schnelllebigkeit der spirituellen Trends und Moden, der Begeisterung für Meister und Gurus sorgt zwar einerseits dafür, dass sie schnell wieder aus der Mode sind, die Szene aber andererseits gerade deshalb so etwas wie ein „Guru-Recycling“ betreiben muss, um laufend vermeintlich Neues zu bieten. Das Osho-Revival in den Esoterik-Abteilungen der Buchhandlungen ist das beste Beispiel dafür, zumal nun eine Generation Erleuchtungshungriger herangewachsen ist, die von Oshos Eskapaden nichts mehr mitbekommen hat und der man ihn nun getrost als etwas „Neues“ verkaufen kann. Vergleichbares dürfte sich im Falle Sri Aurobindos trotz des noch grösseren zeitlichen Abstands nicht ereignen, denn das verhindert schon das bereits erwähnte hohe Niveau des Werks.  Dennoch – oder gerade deshalb – gibt es durchaus vereinzelte Versuche, Sri Aurobindo sozusagen gegenwarts- und damit auch konsumentenkompatibel zu machen. Der Psychiater und Homöopath A.S. Dalal, der bereits mehrere Werke zu Sri Aurobindo und der „Mutter“ herausgebracht hat, veröffentlichte 2008 ein Buch, in dem er die spirituellen Konzepte Eckhart Tolles und Sri Aurobindos miteinander vergleicht. Seit einigen Monaten liegt dieses Werk nun auch auf Deutsch vor.[12] Der Anspruch, „die beiden Meisterdenker und Mystiker“ (Umschlagtext) sozusagen miteinander ins Gespräch zu bringen, scheitert jedoch insofern, als selbst der Autor immer wieder zugeben muss, dass zwischen beiden Ansätzen große Unterschiede bestehen. Wer das Buch liest, erfährt zwar ein wenig etwas über Tolle und Sri Aurobindo, die angestrebte Synthese wirkt aber doch befremdend, da sehr konstruiert und gesucht. Zu unterschiedlich sind offenbar die kulturellen Paradigmen zwischen den beiden „Meisterdenkern“, so dass man sich am Schluss des Buchs fragt, was das Ganze eigentlich soll.

Wesentlich lesenswerter ist da schon die neue Sri Aurobindo-Biografie des Karlsruher Indologen und Philosophen Wilfried Huchzermeyer, die im Oktober erschienen ist.[13] Sie schließt eine bedauerliche Lücke, denn nachdem die ausgezeichnete, wenngleich wenig distanzierte rororo-Bildmonografie von Otto Wolff vergriffen war, gab es auf dem deutschsprachigen Buchmarkt lange keine lieferbare Biografie mehr. Huchzermeyer ist eine ebenso gut lesbare wie auf einem intensiven Quellenstudium und großer Sachkenntnis ruhende Beschreibung vom Leben und Werk Sri Aurobindos gelungen, die auch die Zeit nach dem Ableben des Gurus kurz streift und darüber hinaus sehr wertvolles Informationsmaterial im Anhang bietet. Insgesamt also ist „Sri Aurobindo – Leben und Werk“ ein sehr empfehlenswertes Buch, auch wenn es, und das ist vielleicht sein einziger Schwachpunkt, einmal mehr eine Biografie ist, die ganz offenkundig von einem Anhänger verfasst worden ist. So bleiben etwa die Konflikte zwischen dem Sri Aurobindo-Ashram in Pondicherry und den Bewohnern Aurovilles unerwähnt, und die Vermutung, Sri Aurobindo habe mittels yogischer Kraft den Briten zum Sieg im Zweiten Weltkrieg verholfen, wirkt auf Außenstehende wohl eher befremdlich. Doch das sind insgesamt eher „lässliche Sünden“ eines ansonsten sehr gelungenen Buchs. 

Dass das Interesse an Sri Aurobindo ein wenig wieder erwacht, könnte auch daran liegen, dass sich im Spektrum der Satsang-Bewegung und anderen Bereichen die „Idee einer fortschreitenden evolutiven Bewusstseinsentwicklung“[14] ausbreitet, die sich an Sri Aurobindos Denken anschließen lässt. Zu nennen ist hierbei die „Integrale Theorie“ von Ken Wilber, der in seinen Büchern immer wieder auf Sri Aurobindo verwiesen hat  Bei genauerer Betrachtung ist Sri Aurobindo jedoch offenbar nur einer von zahllosen Ideengebern Wilbers, was natürlich nicht ausschließt, dass Wilbers Bücher ein gewisses Interesse an Sri Aurobindo wecken. Außerdem darf man nicht übersehen, dass auch der 2007 verstorbene Sri Chinmoy, der einen Großteil seiner Jugend im Sri Aurobindo-Ashram in Pondicherry verbrachte[15], zur Bekanntheit des Yogis beigetragen hat. Allerdings ist zu fragen, ob dies in vielen Fällen zu einer vertieften Beschäftigung mit Sri Aurobindo führt. Denn Im Interesse eines möglichst schnellen Spiritualitätskonsums erscheint es beispielsweise schon fast als Zumutung, sich durch drei dickleibige, eng bedruckte Bände wie Sri Aurobindos „Das göttliche Leben“ zu ackern, in denen es noch dazu vor Bezügen zur indischen Philosophie nur so wimmelt. Hinzu kommt, dass es in der westlichen Welt kaum Organisationsstrukturen gibt, in denen der „integrale Yoga“ gepflegt wird.

Das ist eigentlich gar nicht so erstaunlich, denn Gurus, die sich wie Sri Aurobindo nicht mit wohlfeilen Banalitäten zufrieden geben, sind schlichtweg zu anstrengend und letztendlich trotz aller postulierten Integralität unerreichbar – auch und gerade für ihre Anhängerschar. Der Schweizer Religionsexperte Georg Schmid schrieb daher völlig zu Recht: „Der Meister und die Mutter bleiben (…) das Maß aller Dinge. Was die Schülerschaft leistet, ist im besten Fall Kopie und Repetition. So wirkten und wirken Aurobindo und die Mutter nicht nur inspirativ, sondern auch in mancher Hinsicht normativ. Normierte Schüler aber sind klägliche Vorboten des Übermenschen.“[16] Sollte es also tatsächlich so etwas wie eine Sri Aurobindo-Renaissance geben, dürfte sie sich einmal mehr auf ein intellektuelles Publikum beschränken. Eigentlich schade – denn zumindest als politischer Analytiker hätte Sri Aurobindo auch heute noch vieles zu sagen, was es uns leichter machen würde, Indiens Aufstieg, aber auch seine Konflikte besser zu verstehen.  


[1] Ulla Lenzes Roman „Archanu“ (Zürich 2008) beschäftigt sich u.a. mit den in Auroville feststellbaren Entwicklungen.

[2] Claudia Knepper, „Kraftlos gewordene Utopien. Der Roman ‚Archanu’ und sein Hintergrund in Auroville“, im Materialdienst der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (MD) 12/2009, 460-464, 460.

[3] Weitere Informationen unter www.auroville.org.

[4] Dies wird auf der Wikipedia-Seite über Mira Alfassa erwähnt, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Mirra_Alfassa.>

[5] Siehe dazu ausführlicher Christian Ruch, „ ‚…es hatte seine Seele gesucht und seine Stärke entdeckt’. Sri Aurobindo über Deutschland, den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg“, in MD 5/2005, 175-178.

[6] Sri Aurobindo, „Die Synthese des Yoga“, Gladenbach 1972, 17.

[8] Sri Aurobindo, „India’s Rebirth. A selection from Sri Aurobindo’s writings, talks and speeches“, Paris/Mysore 32003, 165.

[9] Ebd., 182.

[10] Sri Aurobindo, „Über sich selbst. Aus Aufzeichnungen und Briefen“, Gladenbach 1994, 339f.

[11] Ders., (wie Anm. 8), 79f.

[12] „Eckhart Tolle – Sri Aurobindo. Ein neues Denken – ein neuer Mensch – eine neue Welt. Texte, Begegnungen und Gespräche mit A.S. Dalal“, Grafing 2010.

[13] Wilfried Huchzermeyer, „Sri Aurobindo – Leben und Werk“, Karlsruhe 2010.

[14] Michael Utsch, „Evolution des Bewusstseins? Unterschiede zwischen evolutiver und kontemplativer Bewusstseinsentwicklung“, im MD 4/2009, 123-132, 123.

Eine kleine Soziologie der Verschwörungstheorie

„Bloß weil du nicht paranoid bist,

heißt das noch lange nicht, dass sie

nicht hinter dir her sind.“

                                   Robert Anton Wilson

 

Verschwörungstheorien sind kein Phänomen, das erst unsere Zeit hervorgebracht hätte – neu ist allenfalls die Verbreitungsgeschwindigkeit, die sich dank der neuen Medien, allen voran dem Internet, enorm erhöht hat. Zu den verheerendsten Verschwörungstheorien, die sich geschichtlich fassen lassen, zählt etwa die Unterstellung, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und seien deshalb für die Pest verantwortlich, die Europa im 14. Jahrhundert heimsuchte. Auch der Hexenwahn der frühen Neuzeit ist das Resultat von – wenn auch meistens lokal begrenzten – Verschwörungstheorien. Sie sind Symptome von Unsicherheit und Angst, treten also vor allem in Krisenzeiten auf. Die Legende von den jüdischen Brunnenvergiftern war eine Reaktion auf das grauenvolle Massensterben durch die Pest, der medizinisch mit dem damaligen Wissen nicht beizukommen war, der Hexenwahn eine Reaktion auf die Klimaverschlechterung, die in Mitteleuropa zu drastischen Ernteausfällen führte. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch der gegenwärtig in vielen Teilen Afrikas grassierenden Hexenwahn, der auf die katastrophalen HIV-Infektionsraten zurückzuführen ist.

Nun könnte man meinen, dass mit dem Zuwachs an Wissen und Rationalität eigentlich ein Kraut gegen Verschwörungstheorien gewachsen sein müsste. Doch die Erfahrung lehrt, dass dem nicht so ist. Denn der Preis für das mehr an Wissen ist eine zunehmend komplexe Gesellschaft, deren Prozesse man immer weniger versteht. Dies schon deshalb, weil die in hoch entwickelten Gesellschaftssystemen ablaufenden Prozesse nicht mehr auf die Intention einzelner Akteure zurückgeführt werden können. Wer ist beispielsweise schuld an der Bankenkrise? Sind es unverantwortliche Manager, gierige Börsianer, „der“ Kapitalismus oder am Ende gar: wir alle? Die Sucher nach „den“ Schuldigen dürfte schnell ins Leere laufen, denn ein soziales System wird nicht durch individuelles Handeln bestimmt, sondern funktioniert autopoietisch. Das heißt, dass nicht Menschen das System steuern, sondern das System sich selbst, vergleichbar einem biologischen Wesen (der Begriff „autopoietisch“ stammt denn auch aus der Biologie).[1]    

Diese Sichtweise ist ebenso schwer verständlich wie schwer erträglich. Denn in einem System, an dem Menschen beteiligt sind, muss es doch, so meint zumindest der sogenannte gesunde Menschenverstand, Verantwortliche für das geben, was gerade geschieht! Doch dem ist in komplexen Gesellschaften eben nicht mehr so. Genau an diesem Punkt setzten Verschwörungstheorien an. Sie funktionieren in erster Linie als Erklärungsversuche, indem ein schwer verständliches, undurchschaubares Geschehen dadurch verständlich gemacht werden soll, dass man Schuldige ausfindig macht und sie benennt – im erwähnten Fall der Bankenkrise z.B. die Manager der Finanzinstitute oder irgendwelche Hedge Fund-Jongleure. Soziologisch gesprochen könnte man Verschwörungstheorien also als ein Verfahren zur Komplexitätsreduktion bezeichnen, oder anders gesagt: man redet sich die eigentlich sehr komplizierten Verhältnisse einfach, indem man sich einen Sündenbock sucht. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Nicht mehr mein komplizierter Alltag, bestehend aus Eheschwierigkeiten, Problemen mit den Kindern, Stress im Büro und Rückenschmerzen ist schuld an meinem permanenten Unwohlsein, sondern die Mobilfunk-Antenne auf dem Dach gegenüber. Der Handy-Wahn ist als so etwas wie ein homöopathisch verdünnter Hexenwahn derzeit ja eine besonders beliebte Verschwörungstheorie, nur sind an die Stellen von Hexen die Betreiber von Handynetzen getreten. Komplexitätsreduktion hat dabei auch die Funktion einer persönlichen Entlastung: Nicht ich bin für meine Probleme bzw. deren Lösung verantwortlich, sondern die Deutsche Telekom ist an allem schuld, weil sie Handy-Masten auf dem Dach des Nachbarn installiert hat. Dieses Beispiel ist natürlich harmlos – wer jedoch betrachtet, wie sich die Deutschen aus der eigenen Verantwortung für die Katastrophe des Ersten Weltkriegs herausmogelten, indem sie „die Juden“ für ihr Unglück verantwortlich machten, weiß, welche mörderische Dynamik ein solches Denken annehmen kann!

Die Lebensverhältnisse in der postmodernen Gesellschaft werden von den allermeisten Menschen jedoch nicht nur als undurchschaubar komplex, sondern sogar als permanent krisenhaft oder zumindest riskant erlebt (Stichwort Risikogesellschaft) – nichts ist heute mehr sicher, weder der Arbeitsplatz noch die Beziehung. Es kann daher nicht erstaunen, dass Verschwörungstheorien heute wie wild ins Kraut schießen, erst recht nach solchen Ereignissen wie jenen am 11. September 2001, als die allgemeine Verunsicherung noch einmal immens gesteigert worden sein dürfte. Und das Aufkommen des Internet hat wie bereits erwähnt sehr dazu beigetragen, die Verbreitungsgeschwindigkeit von Verschwörungstheorien immens zu erhöhen.

Hinzu kommt, dass Ereignisse von überregionaler Bedeutung fast nur via Massenmedien wahrgenommen werden können, wobei die Fähigkeit, Wahrheit von Fiktion zu unterscheiden, tendenziell eher abnimmt. In Deutschland waren viele Leute davon überzeugt, dass die „Schwarzwaldklinik“ Geschichten eines real existierenden Krankenhauses mit einem real existierenden Prof. Brinkmann zeigte, und auch die Kultserie „Akte X“ wurde von nicht wenigen für eine Art Dokumentation tatsächlich ungelöster FBI-Fälle gehalten. Doch die Unfähigkeit, Wahrheit von Fiktion zu trennen, macht misstrauisch, getreu dem Motto  „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht...“, und so kann es auch nicht erstaunen, dass viele Menschen nicht glauben können oder wollen, dass tatsächlich eine Mondlandung stattgefunden hat – schließlich war ja keiner von uns dabei.

Man macht es sich nun allerdings zu leicht, wenn man den Anhängern von Verschwörungstheorien einfach ein irrationales Verhalten unterstellt – denn sie sind ganz im Gegenteil hyperrational: Es wird nämlich überall dort sinnhaftes Verhalten wahrgenommen, wo gar keins existiert. Verschwörungstheorien eliminieren den Zufall und das Chaos aus dem Weltgeschehen, alles ist geplant, nichts beruht mehr auf Zufall. Verschwörungstheoretiker suchen also einen Sinn, wo es möglicherweise keinen gibt, und zwar immer in der Weise, dass Ursachen nicht nur a) sozusagen personalisiert werden, sondern dieser Person bzw. Gruppe b) auch eine böse Absicht unterstellt wird. Es ist also immer eine Thematisierung von „Schuld“ mit Verschwörungstheorien verbunden  – und so wird aus der grausamen Laune der Natur in Form eines Tsunami fast zwangsläufig eine Flutwelle, die durch unterirdische Atombombenversuche ausgelöst worden sein soll.  

Verschwörungstheorien machen damit nichts anderes als Kontingenz zu negieren. Was ist damit gemeint? „Kontingenz“ ist neben „Komplexität“ der zweite. Schlüsselbegriff der soziologischen Analyse unserer Gegenwart. Niklas Luhmann definierte Kontingenz als „etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (zu Erfahrendes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen.“[2] Um beim vorherigen Beispiel zu bleiben: Der Tsunami von 2004 war – zumindest nach unserem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand – mit aller Wahrscheinlichkeit ein kontingentes Geschehen, indem es nicht (in welcher Form) auch immer „notwendig“ bzw. zwangsläufig war. Zwar könnte man ein solches geschehen letztendlich immer noch auf den Willen Gottes zurückführen, doch werden damit – zumindest theologisch – mehr Fragen gestellt als beantwortet, denn es stellt sich zwangsläufig das Problem, warum ein vermeintlich liebevoller Gott so etwas macht oder zumindest zulässt (siehe unten).  

Festzuhalten bleibt jedenfalls, dass auch Kontingenz schwer erträglich ist, und so strebt der Mensch nicht nur nach Komplexitäts-, sondern auch Kontingenzreduktion. Dies schon deshalb, weil das Leben von hoch kontingenten Faktoren mitbestimmt wird, die sich dem eigenen Einfluss entziehen und gerade deshalb so nur schwer akzeptiert werden können: Ob ich beispielsweise gesund bleibe, ist nur ganz begrenzt von mir und meinem eigenen Handeln beeinflussbar, denn es hängt von kontingenten Vorgängen in meinem Körper und im falle einer Krankheit ebenso vom kontingenten Handeln der Ärzte ab, die ja bekanntlich auch einmal einen schlechten Tag haben können…

Das probateste Mittel, die Kontingenz zu reduzieren, ist die Religion. Das unwägbare Schicksal des Lebens soll durch die Bindung an eine höhere Macht ein wenig von seinem Schrecken verlieren oder sogar – man denke an den Bereich des Okkultismus und der Magie – beeinfluss- und beherrschbar werden. Das gelingt natürlich nur zu einem ganz geringen Teil, d.h. alle Religiosität schützt nicht vor den Wechselfällen des Lebens (auch wenn in vielen religiösen Gruppierungen bisweilen das Gegenteil behauptet wird). „Die Religion“, so Niklas Luhmann, „sichert heute weder gegen Inflation noch gegen einen unliebsamen Regierungswechsel, weder gegen das Fadwerden einer Liebschaft noch gegen wissenschaftliche Widerlegung der eigenen Theorien.“[3] Dem Christentum gelang es immerhin, durch die Vorstellung von einem personalen Gott die unbestimmte in eine bestimmbare Kontingenz zu transformieren. „Die Kontingenz und Selektiertheit der Welt selbst aus einer Vielzahl anderer Möglichkeiten wird akzeptierbar, weil in Gott zugleich die Garantie der Perfektion dieser Selektion liegt“, schrieb Luhmann an anderer Stelle.[4] Man weiß nun also wenigstens, wen man für sein Unglück verantwortlich machen kann.

Dass damit neue Probleme auftauchen, liegt auf der Hand: Denn eine „Perfektion der Selektion“ Gottes anzunehmen fällt schwer angesichts des mannigfachen und vor allem augenscheinlich ungerecht verteilten Leids und Leidens in der Welt. Dieses auch als Theodizee-Problem bekannte Dilemma beschäftigt das Christentum natürlich seit es besteht, erst recht aber seit den verheerenden Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts: Wie kann ein angeblich liebevoller, gnädiger Gott Auschwitz zulassen? Wie einen Tsunami, der zigtausende Menschen in den Tod reißt? Verschwörungstheorien liefern eine scheinbar schlüssige Antwort: Gott ist vielleicht schon gut und gnädig, aber die bösen Illuminaten, Juden, Scientologen etc. sind schuld am Leid und Elend in der Welt, sabotieren also sozusagen seine Heilspläne. Dies erklärt, warum auch Christen für Verschwörungstheorien anfällig werden können, wie sowohl im evangelikalen wie auch katholikalen Spektrum beobachtet werden kann. Sind es im ersteren vor allem dämonische Mächte, die für fast alles Üble verantwortlich gemacht werden, sind es im letzteren vor allem Freimaurer und Illuminaten. Gerade entschiedene Christen bekunden große Mühe mit der Säkularisierung der Gesellschaft, ihrer Kontingenz und Komplexität, und damit zeigt sich, dass Verschwörungstheorien oft eine Art Hilfskonstrukt jener Menschen sind, die von den gesellschaftlichen Verhältnissen überfordert oder sogar überrollt werden. Es ist sicher kein Zufall, dass die veramten Deutschen der Weimarer Republik den Verschwörungstheorien und Tiraden eines Adolf Hitler nur allzu gerne Gehör schenkten! Und wer wollte es einem ostdeutschen Arbeitslosen, der nach 250 Bewerbungen immer noch keinen Job hat, verdenken, wenn er irgendwann anfängt, nach den Schuldigen für seine Misere zu suchen.

Zu fragen wäre in diesem Zusammenhang auch, ob Verschwörungstheorien als soziales System (d.h. als Kommunikation) nicht im weitesten Sinne als Form einer Protestbewegung betrachtet werden können. Verschwörungstheorien arbeiten ja – ähnlich wie klassische Protestbewegungen – mit Schuldzuweisungen, was ausgesprochen oder nicht ein „Sich-für-besser-halten“ impliziert.[5] „Das Schicksal der Gesellschaft – das sind die anderen“[6], und zwar in diesem Falle die Drahtzieher der Verschwörung. Nun unterstellt der Begriff „Protestbewegung“ allerdings mehr als bloße Interaktion und Kommunikation, nämlich ein Mindestmaß an Organisation und Vernetzung zugunsten gemeinsamer Aktionen. Dies ist im diffusen Feld der unterschiedlichen Verschwörungstheorien in den allermeisten Fällen nicht feststellbar – trotzdem existieren, gerade im Internet, teilweise aber auch durch Zeitschriften und Bücher, Netzwerke von Verschwörungstheoretikern. Im Gegensatz zu den meisten Protestbewegungen versuchen viele Verschwörungstheoretiker jedoch nicht, politisch aktiv zu werden. Sie verharren angesichts der angeblichen Macht der Verschwörer in einer Art Passivität des resignierten Wissens. Was jedoch sicherlich ebenso ausgeprägt ist wie in vielen Protestbewegungen, ist die fehlende Fähigkeit bzw. Bereitschaft, die „Selbstbeschreibung“ der vermeintlichen Verschwörer zu berücksichtigen. „Man versucht nicht: zu verstehen.“[7] So wird etwa kein noch so seriöses Buch über die Freimaurerei einen katholikalen Verschwörungstheoretiker von seiner Überzeugung abbringen, dass die Logenbrüder mit Hilfe des Satans die Kirche zerstören wollen. Aus Sicht des Verschwörungstheoretikers auch durchaus logisch, weil er ja schon weiß, mit wem er es zu tun hat – eben mit bösartigen Verschwörern.

Dass man angesichts einer solch anschlussunfähigen, da autologischen Schließung nicht mehr diskutieren kann, versteht sich von selbst. Wer nämlich Indizien für eine Verschwörung sehen will, der findet sie auch – genauso wie ein eifersüchtiger Ehemann überall Indizien für die Untreue und Seitensprünge seiner Frau finden kann, wenn er sie nur finden will. „Daher kann niemand auch wirklich verrückte Verschwörungstheorien widerlegen, denn sie alle haben eine seltsame Schleife in ihrer Konstruktion: Jeder Beweis gegen sie funktioniert nämlich gleichzeitig als Beweis für sie, wenn man die Dinge so sehen will. Daher überlebt die Pop-Dämonologie der Verschwörungstheorie jede Kritik, genau wie ihre Cousine, die Theologie“, schrieb der amerikanische Verschwörungsexperte Robert Anton Wilson.[8] Argumentativ gegen Verschwörungstheorien anzukommen ist also meistens ein ziemlich schwieriges Unterfangen. Wahrscheinlich ist es am besten, sich auf Detaildiskussionen wie die Frage, ob nun die beiden Türme des „World Trade Centers“ einstürzen mussten oder nicht, gar nicht einzulassen. Viel Erfolg versprechender kann es da schon sein zu fragen: „Warum glaubst du, dass keine Juden am 11. September ums Leben gekommen sind?“ Oder „Warum glaubst du, dass noch nie ein Mensch auf dem Mond war?“ Vielleicht ergibt sich daraus die Möglichkeit, über die Motivation für den Glauben an Verschwörungstheorien zu diskutieren. Das heißt auch: Nicht die Verschwörungstheorien als solche gilt es unbedingt ernst zu nehmen, sondern den Menschen, der sie glaubt. Denn wer Verschwörungstheorien glaubt, wird anfällig für simple Erklärungen, indem eine Gruppe von Menschen als Sündeböcke stigmatisiert wird. Verschwörungstheorien sind damit immer auch eine Herausforderung für die Demokratie: denn wo von finsteren Verschwörern ausgegangen wird, schwindet zwangsläufig das Vertrauen in die Tauglichkeit des Rechtsstaats sowie demokratischer Institutionen und ihrer Mitwirkungsmöglichkeiten. Es kommt daher wohl nicht von ungefähr, dass Verschwörungstheorien in der Regel mit dem dezidiert anti-demokratischen Rechtsextremismus verbunden sind.

Zweifellos gibt es skurril-liebenswerte Verschwörungstheorien wie jene, dass Lady Diana sterben musste, weil sie Bill Clinton nicht heiraten wollte[9], oder dass es die Stadt Bielefeld in Wahrheit gar nicht gibt[10] – doch der Hexenwahn und der Holocaust haben gezeigt, dass Verschwörungstheorien eine menschenverachtende Dynamik annehmen können. Bücher und Filme wie die von Dan Brown oder „Akte X“ sind Unterhaltung, die auf raffinierte und spannende Weise die offenbar weit verbreitete Lust an der Verschwörungstheorie aufgreifen – doch wo die Fiktion mit der Realität verwechselt wird, ist Aufklärung geboten. Eine gute, solide Bildung ist deshalb immer noch das beste Gegenmittel, um Verschwörungstheorien den Zahn der Brisanz und des Spektakulären zu ziehen.

So heißt es also, stets wachsam gegenüber allen Verschwörungstheorien zu sein – nicht zuletzt im Interesse unserer Demokratie, der Menschenrechte und der Menschlichkeit ganz allgemein. Die Welt ist außerdem – Gott sei Dank, bin ich fast versucht zu sagen – zu komplex, zu bunt, zu vielfältig und zu vielschichtig, als dass simple und oft auch dumme Verschwörungstheorien sie erklären könnten. Halten wir uns daher lieber an den Rat Jesu aus Joh 7,24: „Urteilt nicht nach dem Augenschein, sondern urteilt gerecht!“   

 

 

 



[1] Ich folge hier, wie man sieht, der Systemtheorie von Niklas Luhmann. Siehe dazu z.B. Niklas Luhmann, Soziale System. Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/M. 1987, 60ff.

[2] Ebd., 152.

[3] Zit. nach Walter Reese-Schäfer, Luhmann zur Einführung, Hamburg 1996, 147.

[4] Niklas Luhmann, Funktion der Religion, Frankfurt/M. 1996, 131f.

[5] Ich folge hier den Gedanken von Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2, Frankfurt/M. 1997, 848.

[6] Ebd.

[7] Ebd., 855.

[8] Robert Anton Wilson, Das Lexikon der Verschwörungstheorien. Verschwörungen, Intrigen, Geheimbünde,, Frankfurt/M. 2000, 14.

[9] Siehe ebd., 121ff.

[10] Das ist nämlich Inhalt der Theorie von der sog. „Bielefeld-Verschwörung”, einer „Satire, die die Existenz der Stadt Bielefeld anzweifelt, um die in sich geschlossene unangreifbare Argumentationsstruktur von Verschwörungstheorien auf humorvolle Weise herauszustellen.

Die Bielefeldverschwörung wurde erstmals 1994 im deutschsprachigen Usenet veröffentlicht, kursiert seither als Running Gag im Internet und wurde so Teil der Internet-Folklore, die zur Netzkultur gehört. (…) Die Anhänger dieser Verschwörungstheorie stellen die Existenz der Stadt Bielefeld in Frage. Sie glauben, dass alle Hinweise auf diese Stadt Teil einer groß angelegten Verschwörung sind, der Bielefeldverschwörung. Diese Verschwörung soll die Menschheit von dem Dasein einer Stadt namens Bielefeld überzeugen. Die Anhänger dieser Verschwörungstheorie sprechen in Bezug auf die Urheber der Verschwörung grundsätzlich nur von IHNEN oder SIE. Einige vermuten als Urheber der Bielefeldverschwörung die CIA, den Mossad oder Außerirdische unter der Führung eines gewissen Ashtar Sheran, die ihr Raumschiff als Universität getarnt haben, also ‚übliche Verdächtige’ bei Verschwörungstheorien. Eine andere Version dieser Verschwörung argwöhnt, dass sich in Bielefeld der Eingang zu Atlantis befindet.“ Zit. nach http://de.wikipedia.org/wiki/Bielefeldverschw%C3%B6rung (13.10.08).